Guinea:Jubel und Kritik nach demMilitärputsch

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Guinea: Der Anführer des Umsturzes, Mamady Doumbouya, winkt am Montag in der Hauptstadt Conakry den Menschen zu.

Der Anführer des Umsturzes, Mamady Doumbouya, winkt am Montag in der Hauptstadt Conakry den Menschen zu.

(Foto: Cellou Binani/AFP)

Nach der Absetzung von Präsident Condé und seiner Regierung versucht die Junta, ihre Macht zu festigen. Andere Länder verurteilen den Staatstreich, doch in Guinea wird gefeiert.

Von Bernd Dörries, Dakar

So sieht es also aus, wenn man sich nicht ganz freiwillig ins Rentenalter zurückzieht. Alpha Condé, 83, hatte offenbar nicht mit Besuch gerechnet, er hängt schwer auf dem Sofa, sein Hemd steht weit offen, das Unterhemd ist aus der Jeans gerutscht. Es könnte ein ganz normaler Sonntag gewesen sein für Alpha Condé, ein bisschen auf dem Sofa lümmeln und ausruhen.

Wären da nur nicht die vier Soldaten in Spezialuniform, die sich auch eingefunden haben in der Wohnung des Staatschefs von Guinea und offenbar den Auftrag haben, möglichst finster zu schauen, so ein Putsch ist ja kein Kindergeburtstag. Es ist ein Video der Putschisten, das den Präsidenten auf dem Sofa zeigt.

Die Spezialeinheit der Armee hatte am Sonntagabend den Präsidenten festgesetzt und die Rundfunkstation übernommen. Die Minister und Gouverneure der derzeitigen Regierung sollen ersetzt werden, einfache Beamte aber weiter zum Dienst erscheinen. Als Anführer der Putschisten gilt Mamady Doumbouya, er wurde in Israel und Frankreich militärisch geschult. Wie man einen Putsch ausführt, scheint nicht Teil des Lehrplans gewesen zu sein.

Ob der Umsturz von Dauer ist, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Aus verschiedenen Teilen der Hauptstadt Conakry waren am Sonntag Schüsse zu hören, das Verteidigungsministerium sagte, die Aufständischen seien zurückgeschlagen worden. Am Dienstag war davon keine Rede mehr. Nach den Putschen in Tschad und Mali wäre es der dritte Staatsstreich in Westafrika innerhalb von fünf Monaten.

Condé sah sich als eine Art Nelson Mandela

Die internationale Kritik kam schnell: Noch am Sonntag verurteilte UN-Generalsekretär António Guterres "jede Übernahme der Regierung mit Waffengewalt". Auch die Europäische Union, die USA, die Afrikanische Union, die ehemalige Kolonialmacht Frankreich und Großbritannien kritisierten das Geschehen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte: "Die Entwicklungen in Guinea erfüllen uns mit großer Sorge. Wir verurteilen entschieden den Versuch der Machtergreifung mit Waffengewalt."

In den sozialen Netzwerken des Landes sind allerdings auch jubelnde Menschen zu sehen, viele freuen sich über den mutmaßlichen Abtritt des Präsidenten, Tausende nahmen an Autokorsos teil. Condé regierte seit 2010, er war für viele der erste wirklich demokratisch gewählte Präsident des Landes. Dann aber wollte er nicht wie von der Verfassung vorgesehen nach zwei Wahlperioden abtreten. Er ließ die Verfassung ändern und sich 2020 erneut zum Präsidenten wählen. Beliebter machte ihn das nicht.

Dabei war Condé einst als eine Art westafrikanischer Nelson Mandela gestartet, so bezeichnete er es jedenfalls selbst. Als langjähriger Oppositionspolitiker war Condé ein weithin geachteter Mann, als Präsident jedoch, so werfen es ihm seine Kritiker vor, habe er eine Schneise aus Korruption, Missmanagement und dem Schüren von Hass gegen andere ethnische Gruppen geschlagen.

Guinea zählt zu den weltgrößten Lieferanten von Bauxit, einem Erz, das zur Aluminiumherstellung benötigt wird. Aktivisten werfen der Regierung vor, beim Abbau weder auf Mensch noch Natur Rücksicht zu nehmen.

Man wolle das Land nicht weiter "vergewaltigen", sagte der Putschist Doumbouya am Sonntag und kündigte an, eine Nationale Einheitsregierung einzusetzen. Er wolle die finanzielle Misswirtschaft bekämpfen, die Armut und die Korruption. Man müsse "die Politik den Leuten zurückgeben".

Manche im Land ersehnen einen starken Mann

Doumbouya hat lange für die französische Fremdenlegion gekämpft, was ihn nicht zwingend zu einem demokratischen Präsidenten qualifiziert. Aber er bietet ein Argument an, das seine Kritiker überzeugen soll. "Was hat Jerry Rawlings gesagt?", fragte er in seiner langen Erklärung im Fernsehen. Rawlings, der frühere Präsident Ghanas, war auch nach einem Staatsstreich an die Macht gekommen. Zunächst regierte er als Chef der Militärjunta, später als demokratisch gewählter Präsident. "Wenn das Volk von seinen Eliten unterdrückt wird, ist es Aufgabe der Armee, dem Volk seine Freiheit zu geben", sagte Doumbouya. Gut möglich, dass Rawlings das heute anders sähe. Doch Ghanas Ex-Präsident, der nach zwei Amtszeiten bereitwillig Platz machte, kann sich nicht mehr äußern, er ist im vergangenen Dezember gestorben.

Doumbouyas Argument zielt auf die jungen Menschen im Land. Es gibt unter Afrikas Jugend eine Sehnsucht nach einem starken Mann, nach "einem wohlmeinenden Diktator", der sich schnell und entschieden um alle Probleme kümmert. Angeboten haben sich dafür viele, doch die Hoffnungen wurden selten erfüllt, die Probleme waren zu groß. Die Erlöser entpuppten sich schnell als Laien, im schlimmsten Fall als Diebe und Diktatoren.

Interessant wird sein, wie die westafrikanische Staatengemeinschaft (Ecowas) auf den Putsch reagiert. Ecowas ist forscher als andere afrikanische Regionalverbände, wenn es darum geht, Militärputsche zu verurteilen oder Sanktionen zu verhängen.

Der Putschist Doumbouya dürfte als Erstes damit beschäftigt sein, einen Nachfolger für seine bisherige Position zu finden. Als Befehlshaber seiner - von Präsident Condé gegründeten - Eliteeinheit war er dafür zuständig, gegen die wachsenden Proteste im Land vorzugehen. Womöglich wird er sich künftig hin und wieder über die Schulter schauen, ob da schon der nächste Brutus wartet.

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