Süddeutsche Zeitung

Guido Westerwelle:Der Familienminister auf Reisen

Einer für alle, alle für einen: Wie Außenminister Guido Westerwelle, sein Bruder Kai, Lebenspartner Michael Mronz und Geschäftsfreund Cornelius Boersch geschäftlich verbunden sind - und voneinander profitieren.

Thorsten Denkler, Berlin

Das Lebensmotto von Cornelius "Conny" Boersch ist schlicht und einfach: "Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat", zitierte ihn einmal die Financial Times Deutschland. Boersch aber hat Beziehungen, beste sogar. Der Selfmademan zählt den FDP-Chef und Bundesaußenminister Guido Westerwelle zu seinen engsten Freunden.

Im Wahlkampf 2002 trat Boersch als Wirtschaftsberater des selbsternannten "Kanzlerkandidaten" Westerwelle auf. Die Kontakte sind seitdem ausgezeichnet: Bei Westerwelles jüngsten Auslandsreisen in die Türkei und nach China ist Boersch Teil der offiziellen Wirtschaftsdelegation. Auf Fotos steht Westerwelles alter Kumpel gerne hinter ihm.

Boersch und Westerwelle geben auch gemeinsam ein Buch heraus, das einen vielsagenden Titel trägt: Das Summa Summarum von Politik und Wirtschaft.

Pikant: In dem Buch wird durchaus Verständnis dafür gezeigt, dass Gutbetuchte ihr Geld lieber über die Grenze schaffen, als es in Deutschland zu versteuern. Es sei ja vielmehr der Staat, der mit seinem verzwickten Steuerrecht diese armen Mitbürger ins Ausland treibe, heißt es darin. Dabei hatte Westerwelle noch kürzlich erklärt, dass er die ehrlichen deutschen Steuerzahler schützen wolle.

Sein Freund Boersch, deutscher Staatsbürger und Gründer sowie Hauptanteilseigner der Beteiligungsgesellschaft Mountain Partners, zahlt seine Steuern lieber in der Schweiz. Der Firmensitz ist St. Gallen. Angeblich, weil ihm die Schweiz immer schon gut gefallen habe. Dafür ist Boersch ein fleißiger Parteispender. Zwischen 2002 und 2008 hat er der Partei seines Freundes Westerwelle die stolze Summe von 164.200 Euro überwiesen.

Involviert in Boerschs umfangreiches Geflecht von mehr als 200 Beteiligungen sind oder waren neben Guido Westerwelle noch dessen zwei Jahre jüngerer Bruder Kai sowie Westerwelles geschäftstüchtiger Lebenspartner Michael Mronz. Fast wie eine kleine Familie.

An der Postadresse von Boerschs schweizerischem Firmensitz, Dufourstrasse 121 in St. Gallen, ist lediglich sein Anwalt beheimatet. Das Klingelschild umfasst gein Dutzend sogenannter Briefkastenfirmen. Darunter bis vor kurzem auch offensichtlich solche der dubiosen Art.

Hinter einem steht der inzwischen abgetauchte Fondsmanager Florian Homm. Hinter einem anderen der in den USA wegen Betrugs in Handschellen abgeführte Allen Stanford. Die eigentliche Firmenzentrale liegt im kaum 100 Kilometer von St. Gallen entfernten Wädenswil - in einer Villa mit Blick auf den Zürichsee.

Mountain Partners ist laut Boersch ein "institutionalisierter Business Angel", eine Art finanzkräftiger Schutzengel für vielversprechende, aber finanziell unterbemittelte Jungunternehmen. Mit seinen mehr als 200 Beteiligungen ist Boersch ein Venture-Kapitalist, wie er im Buche steht. Das Ziel: billig einkaufen, teuer verkaufen. Sein Geschäftsmodell bezeichnet er als "schnell, oberflächlich und opportunistisch".

Die aktuelle Finanzkrise scheint ihn nicht zu stören. Für ihn sei sie "eine tolle Ausgangsposition". Die erfolgversprechendsten Beteiligungen aber wolle er nicht zu schnell verkaufen, "sondern erst dann, wenn auch mal wieder die Gier da ist".

Boersch ist bekannt dafür, dass er Verwandte und gute Freunde gerne zu lukrativen Jobs verhilft. Seinen Vater, einen alten Volksbanker, integrierte er in sein Unternehmensgeflecht ebenso wie seine Schwester.

Westerwelle war selbst Teil von Boerschs Firmenimperium

Auch Kai Westerwelle, im Hauptberuf Partner der Anwaltskanzlei TaylorWessing, steht beziehungsweise stand gleich mit zwei Posten auf Boerschs Lohnliste. Der Bruder des Außenministers ist Verwaltungsratspräsident der in St. Gallen ansässigen Taishan Invest AG und war bis 2008 in gleicher Funktion bei der Taishan Capital Management AG.

Weil es thematisch so schön passt, durfte auf der Asienreise des neu-Außenministers Westerwelle im Januar auch ein gewisser Ralf Mahron mitfahren. Mahron ist Geschäftsführer und Mehrheitseigner der Far Eastern Fernost Beratungs- und Handels GmbH aus Ludwigshafen. Das Unternehmen vermittelt deutschen Firmen Zugänge zum chinesischen Markt. Und wieder offenbaren sich alte Seilschaften: Westerwelles Bruder Kai hält Anteile an dem Unternehmen. Mit an Bord ist natürlich Boersch mit seiner Beteiligungsfirma Mountain Partners.

FDP-Chef Westerwelle war bis zum vergangenen Jahr selbst Teil von Boerschs Firmenimperium. Er arbeitete bis zum 1. Oktober 2009 als Beirat der Beratungsfirma TellSell Consulting, an der Boersch beteiligt ist. Westerwelle hat dafür ausweislich seiner veröffentlichungspflichtigen Angaben auf der Bundestags-Webseite im Jahr 2006 mindestens 7000 Euro erhalten. TellSell-Beirat ist noch immer der FDP-Haushaltsexperte und schleswig-holsteinische FDP-Landeschef Jürgen Koppelin.

Auf der Website von TellSell Consulting wird die Aufgabe der Beiräte klar definiert: "Unsere Beiräte öffnen für Sie Türen und bringen Sie mit relevanten Ansprechpartnern zusammen."

"Man braucht einen Autoverkäufer im Team"

Am 16. April hat Westerwelle den nächsten Boersch-Termin in seinem Kalender stehen. Dann wird er eine Key Note auf dem von Boersch organisierten Unternehmertag im luxuriösen Seehotel Überfahrt am Tegernsee halten. Manche in Berlin fragen sich inzwischen, ob Westerwelle eigentlich noch Zeit für sein Hauptamt als Außenminister bleibt.

Als Bundesminister darf Westerwelle für solche Auftritte kein Geld verlangen. Das war früher anders. In den Jahren 2006 und 2007 hielt Westerwelle für jeweils wenigstens 7000 Euro mehrere Vorträge im Auftrag der Eutop Speaker Agency GmbH mit Sitz in München, die zum Firmenkonglomerat des schillernden Lobbyisten Klemens Joos gehörte. Joos wiederum war auch Inhaber der Internet-Politiksuchmaschine Polixea. Guido Westerwelle hatte zweitweise einen Polixea-Link auf seiner persönlichen Website.

Danach bekam Polixea einen neuen Namen: Trupoli. Das Unternehmen hat - wie kann es anders sein - Westerwelle-Spezi Cornelius Boersch gekauft. Das Unternehmen scheint jedoch eher zu den Flops unter Boerschs Beteiligungen zu gehören: Die Webseite www.trupoli.com ist seit einem halben Jahr offline.

Mronz beteuert, er sei als Vorstand von "Ein Herz für Kinder" dabei

Auch ein ehemaliger enger Mitarbeiter von Guido Westerwelle ist zeitweise bei Boersch untergekommen. Jörg Arntz, bis 2007 Westerwelles Assistent, zeichnete bis vor kurzem als Vizepräsident von Boerschs Mountain Business Angels AG verantwortlich.

Bleibt noch Michael Mronz, Lebenspartner und wie Boersch aktiver Begleiter von Außenminister Guido Westerwelle auf dessen Auslandsreisen. Der erfolgreiche Manager großer Sportveranstaltungen beteuert, er sei als Vorstandsmitglied der Springer-Aktion Ein Herz für Kinder aus sozialem Interesse und auf eigene Kosten mit dem Außenminister "Herrn Westerwelle" nach Lateinamerika geflogen.

Wie der Zufall es will, findet aber 2014 in Brasilien, eine der Stationen auf Westerwelles Reise, die Fußballweltmeisterschaft statt. Für einen Sportevent-Manager wie Mronz ein durchaus lohnendes Ereignis. Kürzlich managte Mronz mit seiner Firma MMP Veranstaltungs- und Vermarktungs GmbH die Eröffnung eines Bonner Luxushotels. Gastredner unter anderem der Bonner FDP-Bundestagsabgeordnete Guido Westerwelle.

Mronz war auch Aufsichtsrat und Aktionär der Arygon AG, einer Technologiefirma mit Sitz in Mainz. Im vergangenen Jahr ist dort ein Technik-Unternehmen Namens ACIG, ebenfalls mit Sitz in Mainz, eingestiegen. ACIG wiederum gehört zum Firmennetz von Cornelius Boersch.

Auf der amtlichen Südamerikareise seines Lebenspartners Westerwelle konnte Mronz einen weiteren alten Bekannten begrüßen: Ralph Dommermuth, Gründer der United Internet AG. Dommermuth ist, wie der Spiegel schreibt, auch ein alter Kumpel von Westerwelle - und wie Boersch fleißiger Spender für die FDP: 48.000 Euro waren es 2005.

Westerwelle weist Vorwürfe zurück

Dommermuth und Mronz haben zusammen schon Geschäfte gemacht. Der Internetmann war über seine Firmen 1&1 und gmx.de Hauptsponsor der Segelcrew vom Team Germany. Vor drei Jahren hatte es am America's Cup teilgenommen hat. Vermarkter des weltgrößten Segelevents: Michael Mronz.

Die Brüder Westerwelle, Michael Mronz, Clemens Boersch - die vier scheinen ein eingespieltes Businessteam zu sein. Wäre Westerwelle nicht Außenminister und FDP-Chef, wäre das vermutlich gar kein Problem. So aber stellt die Opposition die Frage, ob Westerwelle unter diesen Umständen überhaupt geeignet ist, Deutschland in der Welt zu vertreten.

Guido Westerwelle selbst weist die Vorwürfe zurück. "Da der Opposition die politischen Argumente ausgehen, versuchen sie es jetzt mit persönlichen Attacken gegen mich und meine Familie", konterte der FDP-Chef am Donnerstag am Rande seiner Südamerika-Reise. Ein Sprecher des Außenministeriums bezeichnete die Vorwürfe der Vetternwirtschaft als "haltlos".

Andererseits: Ohne Guido Westerwelle würde vermutlich einiges in dem Team nicht so laufen, wie es sich die Geschäftsleute Mronz und Boersch wünschen mögen. Boersch hat kürzlich über das Erfolgsgeheimnis von jungen Start-up-Unternehmen gesagt: "Man braucht einen im Team, der ein Autoverkäufer ist."

Mit anderen Worten: eine Rampensau. In dieser Rolle hat sich Guido Westerwelle schon immer wohlgefühlt.

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