Türkei:Journalist wegen angeblicher Spionage verhaftet

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Türkei: Metin Gurcan

Metin Gurcan

(Foto: DEVA/DEVA)

Metin Gürcan ist auch einer der Gründer der Oppositionspartei Deva, die Erdoğan scharf kritisiert. Offenbar hatte ihn der Staat wegen Treffen mit ausländischen Diplomaten streng überwacht.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Ein türkischer Journalist und Oppositionspolitiker ist als angeblicher Spion verhaftet worden. Metin Gürcan, der sich auf Verteidigungs- und Sicherheitspolitik spezialisiert hat, wurde in Istanbul in seiner Wohnung von der Polizei abgeholt. Die Webseite Gerçek Gündem berichtete, Gürcan sei über längere Zeit abgehört und beobachtet worden. Und die als Sprachrohr der Regierung bekannte Boulevardzeitung Takvim hatte bereits vor Längerem getitelt: "Du bist jetzt ein Ziel, Metin." Nach der Festnahme schrieb das Blatt nun: "Der CIA-Agent Metin ist geschnappt worden."

Der 45-jährige Gürcan schreibt häufig auch für englischsprachige türkische oder internationale Medien und tritt als Analyst bei Fernsehsendern auf. Vor allem aber ist der frühere Hauptmann der türkischen Streitkräfte eines der Gründungsmitglieder der Oppositionspartei Deva. Gürcan trat bisher allerdings öffentlich weit mehr als Journalist denn als Politiker in Erscheinung.

Die Webseite des oppositionellen Senders Halk TV und die türkische BBC-Seite veröffentlichten Teile der Vernehmungsprotokolle. Demnach wird Gürcan von der Staatsanwaltschaft politische und militärische Spionage vorgeworfen. Er habe sich wiederholt in Istanbul und Ankara mit spanischen und italienischen Diplomaten getroffen; er habe diesen Material verkauft, das die Sicherheit der Türkei berührt. Gürcans Treffen mit den Diplomaten, aber auch mit NGO-Vertretern und anderen Journalisten wurden offenbar genau überwacht.

Gürcan selbst sagte Halk TV zufolge aus, die italienischen und spanischen Diplomaten hätten bei ihm regelmäßig politische Analysen in Auftrag gegeben. Diese Berichte habe er ausschließlich aus öffentlich zugänglichem journalistischen und akademischen Material und aus öffentlich einsehbaren Karten und Statistiken erstellt. Themen seien neben der politischen Lage in der Türkei selbst das türkische Verhältnis zu Nachbarstaaten wie Griechenland, Syrien, Irak oder Iran gewesen. Der ehemalige Heeres-Offizier, der die Armee Anfang 2015 verlassen hatte, sagte demnach, er habe als Privatmann ohnehin keinen Zugang zu Staatsgeheimnissen.

Junge Partei erhält Zulauf

Die kleine und noch junge Deva-Partei, der Gürcan angehört und die zu den schärfsten Kritikern von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gehört, gewinnt Umfragen zufolge in den vergangenen Monaten kontinuierlich an Zustimmung. Deva-Parteichef Ali Babacan war Finanzminister in einem der früheren Kabinette Erdoğans. Babacan zählt zu den fachlich qualifiziertesten Kritikern von Erdoğans Wirtschaftspolitik, vor allem von dessen umstrittener Niedrigzins-Politik. Die Wirtschaftspolitik ist das derzeit wichtigste Thema der türkischen Innenpolitik.

Gürcan selbst hatte jüngst kritisiert, dass Erdoğan den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) für deren Zusage finanzieller Hilfen in Form eines Investitionsversprechens über zehn Milliarden Dollar viel zu weit entgegengekommen sei. Der genaue Inhalt der jüngsten Absprachen zwischen Präsident Erdoğan und dem einflussreichen Kronprinzen von Abu Dhabi, Scheich Mohamed bin Zayed al-Nahyan, ist nicht bekannt.

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