Günther Oettinger:Gefährliche Ausflüge in die Historie

"Das Blöde ist, es kommt kein Krieg mehr": Baden-Württembergs Regierungschef erlangte schon häufiger Aufmerksamkeit mit seltsamen Sätzen.

Bernd Dörries, Stuttgart

Bis zuletzt war Hans Filbinger auf die Landesparteitage der CDU gekommen, saß als Ehrenvorsitzender oben auf dem Podium. Meist nickte er nach ein oder zwei Reden ein und wachte beim Deutschlandlied wieder auf. Dann wurde er gestützt aus dem Saal geleitet. Er war dabei, mehr aber auch nicht.

Günther Oettinger: In der Kritik: Günther Oettinger

In der Kritik: Günther Oettinger

(Foto: Foto: dpa)

Dass seine jahrzehntelangen Bemühungen um Rehabilitation auch in der eigenen Partei nur teilweise erfolgreich waren, wurde nach seinem Tod am 1. April deutlich. Die CDU, deren Gliederungen sonst jedem Landrat einen schönen Kranz von Worten mit in den Ruhestand gibt, schwieg bis in den letzten Kreisverband. Man war sich wohl im Klaren, dass man nichts über den Ex-Ministerpräsidenten sagen konnte, ohne auch den Marinerichter zu erwähnen.

Als amtierender Landeschef musste sich Günther Oettinger zum Tod seines Vorgängers äußern. Er verschickte eine Erklärung, in der er erst einmal die Daten von dessen Karriere auflistete: Es beginnt mit dem Jahr 1958. Der Historiker Hans Mommsen tadelte daraufhin, es sei feige gewesen, die Nazizeit auszusparen.

Vielleicht wollte Oettinger doch nicht als feige gelten. Es kam der Mittwoch, der Tag der Beerdigung Filbingers mit einem Trauergottesdienst im Freiburger Münster. Vor dem Tor nur ein paar Dutzend linke Demonstranten, die Kirche nicht ganz gefüllt. Es schien so, als sei das Land zu erschöpft, um eine weitere Filbinger-Debatte zu führen.

Oettinger hatte offenbar andere Pläne, vielleicht hat er auch nicht richtig nachgedacht. "Für uns Nachgeborene ist es schwer bis unmöglich, die damalige Zeit zu beurteilen", sagte er in seiner Trauerrede. Um dann genau dies zu tun. Sein Urteil endete mit einem Freispruch: "Er war ein Gegner des NS-Regimes."

Ausflüge in die Historie sind bei Oettinger oft eine schwierige Sache. Es ist nicht sein Terrain. Seit Tübinger Studententagen ist er Mitglied einer schlagenden Verbindung. Dass sich in dieser Zeit bei ihm ein bestimmtes Welt- und Geschichtsbild herausgebildet hat, war bisher nicht bekannt.

Eher ein Lebensstil, der sich in langen Kneipenabenden zeigte und zumindest einmal das Singen der ersten Strophe des Deutschlandliedes beinhaltete. Als Ministerpräsident trat Oettinger an, seinem Bundesland und damit auch sich selbst in Berlin zu größerer Macht zu verhelfen.

Dabei machte er einige Fortschritte, auf dem Dresdner CDU-Parteitag präsentierte er sich als Reformer, er sitzt der Föderalismuskommission II vor. Die größte Aufmerksamkeit erreicht er aber immer wieder mit Sätzen, wie sie vielleicht abends im Verbindungshaus fallen, die für einen Regierungschef aber eher ungewöhnlich sind.

Auf einer Feier nannte er einen Freund vor Hunderten Gästen einen "Weltmeister im Seitensprung", bei einem Verbindungsabend räsonierte er über die Schwierigkeiten in einer gesättigten Wohlstandsgesellschaft, Reformen anzustoßen: "Wir sind in der unglaublich schönen Lage, nur von Freunden umgeben zu sein. Das Blöde ist, es kommt kein Krieg mehr." Solche Sätze sind nicht mit denen zu vergleichen, die auf Filbingers Trauergottesdienst fielen.

Aber sie schaffen eine Erwartungshaltung: auf den nächsten Ausrutscher, die nächste Empörung. Sein Vorgänger Erwin Teufel, der biedere und bedächtige, konnte zu Filbingers 90. Geburtstag anmerken, dieser sei, "das können wir heute sagen, damals das Opfer einer Kampagne geworden". Und niemand regte sich wirklich auf.

© SZ vom 13.4.2007
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