Venezuela Der Hoffnungsträger, der an Schwung verliert

"Nichts wird uns aufhalten", das hat der venezolanische Oppositionsführer in den vergangenen Tagen oft gesagt. Aber er ist in einer schwierigen Lage.

(Foto: AFP)
  • Juan Guaidó ruft erneut zu Großdemonstrationen in Venezuela, sie sollen heute beginnen.
  • Damit will der Oppositionsführer endlich die Macht in Caracas erlangen. Es ist aber fraglich, ob ihm das gelingt.
  • Der Autokrat Maduro wirkt gefestigt, die US-Sanktionen wirken nicht richtig - und vielen Venezolanern scheint die Kraft auszugehen.
Von Benedikt Peters

Es soll die eine Demonstration sein, die alles verändert. Juan Guaidó, der junge, forsche Oppositionsführer aus Venezuela, hat sie lange vorbereitet, er ist durch das Land getourt und hat auf Dutzenden Bühnen gestanden, zum Beispiel vor ein paar Tagen im kleinen Ort San Bernardino in der Nähe von Caracas. "Zählt darauf, dass ihr dieses Land verändern könnt", beschwor Guaidó seine Zuhörer, und er erinnerte sie daran, an diesem 6. April allesamt auf die Straße zu gehen. Denn dann beginne seine "Operation Freiheit" - eine Großdemonstration, die das ganze Land erfassen und ihn schlussendlich nach Miraflores bringen soll, in den Präsidentenpalast.

Es war eine energische, kraftvolle Rede, die dieser Guaidó Fäuste schüttelnd und den Zeigefinger reckend in San Bernadino hielt. Doch sie konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage des 35-Jährigen Oppositionsführers gerade immer schwieriger wird. Die "Operation Freiheit" ist ja nicht die erste Demonstration, die Guaidó und seine Gefolgsleute organisiert haben. Seitdem er sich am 23. Januar selbst zum Interimspräsidenten ernannt hat, gab es schon Dutzende Kundgebungen und Protestmärsche. Sie haben aber nie die Kraft entfaltet, die es gebraucht hätte, um den Autokraten Nicolás Maduro aus dem Amt zu drängen.

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Guaidó hofft, dass es dieses Mal anders sein möge. Denn seit den letzten Demonstrationen ist die Verzweiflung vieler Venezolaner noch einmal gestiegen, weil inzwischen nicht nur Nahrungsmittel und Medikamente knapp sind, sondern auch Wasser und Strom. Maduro gibt den USA die Schuld daran, die angeblich mit Cyberangriffen auf ein Kraftwerk die großflächigen Stromausfälle ausgelöst hätten, die das Land seit Anfang März heimsuchen. Guaidó wiederum sieht die Schuld bei Maduro und seinem Führungsclan, der lieber Gelder veruntreut habe statt sie in die Modernisierung der Infrastruktur zu stecken. Nach allem, was man weiß, ist das die deutlich wahrscheinlichere Variante.

Der größte Exodus in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas

Die Verzweiflung über die verheerende Lage soll Guaidó nun den entscheidenden Schwung verleihen. "Wir wollen Strom und Wasser", das forderte er immer wieder auf seiner Werbetour für die heutige Großdemo. Denkbar ist aber auch, dass genau das Gegenteil passiert und die Stromausfälle die Proteste eher schwächen. Denn der Alltag ist für viele Venezolaner jetzt noch beschwerlicher geworden, sie müssen ihr Wasser zum Teil aus Flüssen holen und sich ihr Essen auf Lagerfeuern zubereiten. "Wir haben keine Kraft mehr", das ist ein Satz, den man in diesen Tagen von vielen Venezolanern hört. Tausende verlassen täglich das Land, insgesamt schon mehr als 3,5 Millionen - es ist der größte Exodus in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas.

Guaidó hatte auf einen schnellen Sieg gehofft, als er sich am 23. Januar selbst zum Interimspräsidenten ausrief und Maduro herausforderte. Die USA unterstützten ihn sofort, viele weitere Staaten zogen nach, auch Deutschland. Genau einen Monat später versuchte Guaidó, den Sieg zu erzwingen, indem er versuchte, mit großem medialem Spektakel Hilfslieferungen nach Venezuela zu bringen. Die Soldaten, die Maduro an die Grenze schickte, um das zu verhindern, würden zu ihm überlaufen, glaubte Guaidó. Doch er täuschte sich - und hatte in den Wochen danach keinen Plan B. Davon hat er sich bis heute nicht erholt. Einige Unterstützer haben begonnen, an ihm zu zweifeln.

Zumal Maduros Position nach wie vor gefestigt wirkt. Die Ölsanktionen der USA, die helfen sollten, ihn in die Knie zu zwingen, sind nicht so wirksam, wie es Washington gerne hätte. Denn die Venezolaner verkaufen ihr Öl jetzt zwar nicht mehr an Amerika, finden aber andere willige Abnehmer, zum Beispiel Indien und nach China.

Hinzu kommt, dass Maduros Führungszirkel Investigativjournalisten zufolge gutes Geld mit kriminellen Geschäften wie etwa Drogenschmuggel verdient. Der Despot von Caracas dürfte also weiterhin über ordentliche Summen verfügen, um etwa die Armee und die "Colectivos" genannten Schlägertrupps bei Laune zu halten. Nicht zu vergessen die Unterstützung aus Moskau: Vorvergangene Woche waren bereits 99 russische Soldaten in Venezuela eingetroffen, die verklausulierte Begründung dafür lautete, sie sollten bei der Abwicklung "technisch-militärischer" Abkommen helfen. Kürzlich dann frohlockte Maduros Vize-Außenminister Yván Gil, bald würden sicher noch mehr kommen.

Guaidó gibt sich weiterhin zuversichtlich. "Nichts wird uns aufhalten", das hat er oft gesagt in den letzten Tagen, auch dann noch, als Maduro seine Immunität aufheben ließ. Vor einer Verhaftung schützt ihn wohl nur die Unterstützung der USA. An diesem Wochenende könnte sich zeigen, ob dieser Guaidó noch einmal für eine Überraschung gut ist.

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