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Grundschule:Debatte um Deutschkenntnisse von Erstklässlern

CDU-Politiker Linnemann will Kinder mit Sprachdefiziten notfalls später einschulen. Integrationsbeauftragte und Lehrer warnen.

Von Stefan Braun und Ekaterina Kel, Berlin

Der Vorstoß des CDU-Wirtschaftspolitikers Carsten Linnemann, Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen notfalls später einzuschulen, hat eine scharfe Kontroverse ausgelöst. Politiker aus Koalition und Opposition warnten vor populistischen Vereinfachungen, Integrationsbeauftragte von Bund und Ländern forderten konkrete Lösungsvorschläge. Linnemann hatte vorgeschlagen, für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen eine Vorschulpflicht einzuführen, um ihnen die Sprache noch vor Schulbeginn ausreichend nahezubringen. Außerdem hatte er der Rheinischen Post gesagt: "Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen."

Am Dienstag meldeten sich zahlreiche Politiker zu Wort, die migrantische Wurzeln haben, bei der eigenen Einschulung kaum Deutsch sprechen konnten - und die vor Linnemanns Vorschlag warnen. So sagte die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, die Grünen-Politikerin Muhterem Aras, sie habe damals kein einziges Wort Deutsch gesprochen. Trotzdem sei es ihr schnell gelungen, akzeptiert und integriert zu werden. Zahlreiche Studien bestätigten, dass es keinen besseren Ort als die Grundschule gebe, um auch Kindern mit geringen Sprachkenntnissen alsbald die besten Startchancen zu geben.

Die Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial sagte der Süddeutschen Zeitung, statt den Fokus auf Defizite der Kinder zu lenken, müsse man Mehrsprachigkeit als soziales Kapital verstehen. "Die Kinder, von denen Linnemann spricht, sind nicht sprachlos. Sie bringen ihre Herkunftssprache mit." Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, erklärte: "An der Schulpflicht gibt es nichts zu rütteln."

Aus der Opposition und der SPD kam teilweise harsche Kritik. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner erklärte, dass es in Klassen mit vielen Kindern ohne Deutschkenntnisse durchaus Probleme gebe. Trotzdem biete Linnemann "die falsche Lösung". Statt auf Einschulung zu verzichten, sollten getrennte Vorbereitungsklassen eingerichtet werden, die erst einmal Deutsch fördern. Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte, Linnemanns Vorschläge seien "zum Fremdschämen" und "populistisches Getöse". Linken-Chefin Katja Kipping sagte, Linnemann gehe auf "Stimmenfang im rechten Sumpf".

Andere, wie die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU), riefen am Dienstag dazu auf, die "aufgeheizte Debatte" nicht weiter zu befeuern, sondern sich "mit einem kühlen Kopf" um konkrete Lösungen zu bemühen. Prien, die Carsten Linnemann in einer ersten Reaktion scharf kritisiert hatte, sagte, die Teilnahme am Schulunterricht gehöre "zum Kernbereich von Integration"; die Schulpflicht sei "Teil der Erfolgsgeschichte unserer Bildungsnation".

© SZ vom 07.08.2019

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