Verfassungskonvent 1948:Für die Sicherheit sorgten nur zwei, drei Polizisten

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Theodor Maunz, Juraprofessor unter den Nazis, wurde später für die CSU bayerischer Kultusminister. Später, in den neunziger Jahren, kam heraus, dass er bis zu seinem Tod anonym Texte für eine rechtsextreme Zeitung verfasste.

Während des Konvents war die persönliche Vergangenheit kein Thema. Die Stimmung unter den Teilnehmern wird als gemütlich und familiär überliefert. Daumiller meint, die gute Versorgung sei ein entscheidender Faktor für die positive Atmosphäre gewesen. Pro Tag hatte jeder Teilnehmer Anrecht auf drei Zigarren oder zwölf Zigaretten, dazu eine halbe Flasche Wein oder einen Liter Bier - drei Jahre nach dem Krieg war das sehr üppig. Gearbeitet wurde von morgens bis teilweise in die Nacht.

Die drei Ausschüsse tagten über die Insel verstreut, die Teilnehmer berieten sich auf Spaziergängen, im Biergarten oder auf der Holzbank eines hinter dem Chorherrenstift gelegenen Bauernhofs. Bei Regen - es war ein durchwachsener Sommer - setzte man sich zusammen auf die Veranda des Schlosshotels mit Blick auf die Fraueninsel nebenan.

70 Jahre Verfassungskonvent Herrenchiemsee

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte das Verfassungszimmer im Augustiner-Chorherrenstift auf Herrenchiemsee 2017.

(Foto: dpa)

Für die Sicherheit sorgten lediglich zwei bis drei Polizisten. Susanne Suhr, die Frau des Berliner Vertreters Otto Suhr, war gleichzeitig als Journalistin für eine SPD-nahe Zeitung tätig. Und die Zigarren, die den Teilnehmern geschenkt wurden, stammten offenbar aus dem sogenannten Hitler-Rasthaus am südlichen Chiemseeufer. In der größten Autobahnraststätte der Nazizeit erholten sich bis 1945 verletzte Soldaten. Nach Kriegsende bediente sich das Volk in den Vorratskammern.

Daran erinnert sich auch noch der heute 90 Jahre alte Fischer Holmer Lex, zeitweise Bürgermeister der Fraueninsel. Er sagt, dass die Nazis in der Raststätte fünf Millionen Zigaretten lagerten: "Die wurden nach dem Krieg an die Einheimischen verteilt, und ein Teil landete auch bei den damaligen Pächtern des Schlosshotels."

Adenauer und Schumacher waren skeptisch

Am Konvent hatten die Einheimischen indes wenig Interesse. "Es stand zwar etwas in der Zeitung, und Carlo Schmid war als führender Mann bekannt, doch uns ging das Ganze nicht wirklich etwas an."

Gut eine Woche nach Ende des Konvents nahm am 1. September in Bonn der Parlamentarische Rat seine Arbeit auf, an dem neben Anton Pfeiffer und Carlo Schmid noch vier weitere "Chiemseer" teilnahmen. In diesem Gremium stießen die 149 Artikel der Experten vom Chiemsee bei mächtigen Parteipolitikern wie Konrad Adenauer (CDU) und Kurt Schumacher (SPD) auf Skepsis. Am Ende wurden jedoch wesentliche Teile des Chiemseer Entwurfs übernommen. Die Grundrechte sind fast identisch formuliert.

Der Satz "Die Würde der menschlichen Persönlichkeit ist unantastbar", mit dem - nur leicht abgewandelt - Artikel 1 der bundesdeutschen Verfassung beginnt, wurde auf der oberbayerischen Insel formuliert. Von der "Würde der menschlichen Persönlichkeit" war damals schon in Artikel 100 in der bayerischen Landesverfassung von 1946 die Rede.

Nawiasky schrieb an dem weißblauen Grundgesetz übrigens auch schon mageblich mit, gemeinsam mit dem Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner.

Für Friedrich von Daumiller ist eine zentrale Leistung des Herrenchiemsee-Konvents, dass die Grundrechte ins Zentrum der Verfassung gerückt wurden - und die Menschenwürde gleich an den Anfang. Daumiller sagt: "Das wurde schon während der Französischen Revolution 1789 gefordert, aber nie umgesetzt - bis zum Sommer 1948." Die Bedeutung des Konvents wird seiner Meinung nach zu wenig gewürdigt.

Immerhin, im Chorherrenstift erinnert eine Ausstellung an den Entstehungsort des Grundgesetzes, das Eckzimmer Nummer 7 kann besichtigt werden. In den Jahren nach dem Konvent hatte der Raum wahrscheinlich wieder seine frühere Funktion, sagt Daumiller: "Es war wohl ein Gästezimmer."

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70 Jahre Verfassungskonvent Herrenchiemsee

Verfassungskonvent Herrenchiemsee 1948
:"Erstmals stand die Menschenwürde im Zentrum einer Verfassung"

Friedrich von Daumiller erlebte als Kind die Geburt des Grundgesetzes mit - und beschreibt im Gespräch, wie sich die Teilnehmer in nur 14 Tagen auf den Entwurf einer Verfassung geeinigt haben.

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