Grünen-Vorsitzende Claudia Roth "Wir Grüne haben dem Piraten-Hype getrotzt"

Die "Dänen-Ampel" soll die Grünen in Schleswig-Holstein an die Macht bringen. Doch mit nur einem Sitz Mehrheit wäre das ein echtes Wagnis. Im Gespräch mit der SZ erklärt Parteichefin Claudia Roth, weshalb die Stärke der Piraten das grüne Ergebnis aufwertet und wie die CDU "Gift" in den Wahlkampf gebracht hat.

Interview: Carsten Eberts, Kiel

Schleswig-Holstein steht vor einem historischen Ereignis: Das Bündnis aus SPD, Grünen und Südschleswigschen Wählerverband (SSW) hat eine knappe Mehrheit und könnte erstmals gemeinsam regieren - sofern sich die Parteien tatsächlich dazu entschließen. Claudia Roth, 56, seit 2004 Bundesvorsitzende der Grünen, ist dafür. Kurz vor dem Gespräch mit der SZ hat Roth die Wahlparty der SPD besucht und Torsten Albig zum - gemeinsamen - Wahlsieg gratuliert.

Beste Laune in Kiel: Grünen-Spitzenkandidat  Robert Habeck (rechts) und die Bundesvorsitzende Claudia Roth nach der Bekanntgabe der ersten Prognosen.

(Foto: dpa)

SZ: Frau Roth, gleich nach den ersten Hochrechnungen haben Sie die Vertreter des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW) geherzt, ihnen gratuliert, dabei richtig gestrahlt. Sind Sie stolz auf den kleinen SSW, der ihnen womöglich die Regierungsmehrheit rettet?

Claudia Roth: Ich habe hier etwas erlebt, was ich wirklich unanständig fand. Die CDU hat versucht, genau jene Kampagne gegen den SSW loszutreten, die in den achtziger Jahren schon einmal von Franz Joseph Strauß geführt wurde. Nach dem Motto: "Wir wollen von Dänen nicht regiert werden." Das war eine richtige Anti-Minderheiten-Kampagne, und man hat gemerkt, wie dieses Gift wirkt. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass der SSW sogar zugelegt hat.

SZ: Nach Auszählung der Stimmen haben die Grünen zusammen mit SPD und SSW einen hauchdünnen Vorsprung von einem Sitz. Ist es nicht riskant, auf eine solch wacklige Mehrheit zu setzen?

Roth: Unser Landesverband hat gesagt, dass er diese Zusammenarbeit gerne versuchen würde, weil mit den Sozialdemokraten und dem SSW die Inhalte am besten passen. Und wenn die Konstellation als stabil empfunden wird, ist es richtig, den Politikwechsel auch wirklich umzusetzen.

SZ: Einer Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen erteilen Sie damit eine Absage?

Roth: Das entscheidet am Ende der Landesverband. Aber ich finde schon, dass wir Grüne nicht der Mehrheitsbeschaffer für diejenigen sein sollten, die gerade abgewählt wurden. Frau Merkel hat gerade ihre siebte Niederlage seit der Bundestagswahl kassiert, Schwarz-Gelb ist definitiv abgewählt.

SZ: Vor einem Jahr lagen die Grünen in Umfragen aber noch bei über 20 Prozent. Nun sind Sie bei 13,2 Prozent gelandet.

Roth: Und haben damit unser bestes Ergebnis in Schleswig-Holstein geholt. Und das, obwohl die Rahmenbedingungen für uns Grüne in Schleswig-Holstein wirklich schwierig waren. Erstens gab es eine Polarisierung auf die beiden Spitzenkandidaten von SPD und CDU, zweitens hat die Piratenpartei mit erheblicher medialer Unterstützung die politische Bühne geentert. Und drittens gab es am Ende diese unanständige Kampagne der CDU gegen Grüne, SPD und den SSW. Insofern ist dieses Ergebnis wirklich hart und ehrlich erkämpft.

SZ: Sind die Piraten der Hauptgrund für den grünen Absturz in der Wählergunst?

Roth: Abgesehen vom Saarland haben wir bei 18 Wahlen in Serie teilweise stark hinzugewonnen. Und in Schleswig-Holstein haben wir es geschafft, trotz des Piratenpartei-Hypes drittstärkste Kraft zu werden, mit dem besten grünen Ergebnis dort überhaupt. Im Übrigen haben wir bei den Erstwählern in Schleswig-Holstein stärker punkten können als die Piratenpartei. Das ist ein toller Rückenwind für die Wahl in Nordrhein-Westfalen. Von einem Absturz in der Wählergunst kann also keine Rede sein. Die zum Teil überbewerteten Umfragen im vergangenen Jahr erklären sich auch mit der Frage des Atomausstiegs, der eng mit uns verknüpft wurde. Dieses Thema hatte im vergangenen Jahr eine große Bedeutung. Wir sind nun wieder in normalen Zeiten angekommen.