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Grünen-Politikerin Steffi Lemke:"Am Ende muss das Essen schmecken"

Steffi Lemke

Steffi Lemke: "Macht ist kein Selbstzweck."

(Foto: picture-alliance/ dpa)

sueddeutsche.de: In Berlin will Renate Künast Regierende Bürgermeisterin werden, in Baden-Württemberg hat Winfried Kretschmann erkennbare Chancen auf das Amt des Ministerpräsidenten. Erstmals wären die Grünen dann nicht mehr Kellner, sondern Koch. Wie wird das Ihre Partei verändern?

Lemke: Am Ende muss doch das Essen schmecken. Aber im Ernst: Das Bild hat doch nie funktioniert, wir waren nie nur Kellner.

sueddeutsche.de: Aber Juniorpartner.

Lemke: Es ist für jede Partei ein Unterschied, ob sie als größerer oder kleinerer Partner in einer Koalition arbeitet.

sueddeutsche.de: Die Grünen waren noch nie der größere Partner. Sind Sie reif für diese neue Verantwortung?

Lemke: Es wäre doch erst einmal für Berlin und Baden-Württemberg gut, wenn wir dort regieren und die Regierungschefs stellen. Natürlich wäre das auch eine neue Rolle für uns. Aber da jubeln wir nicht, sondern sehen ganz realistisch, dass wir noch klarer, noch besser vorbereitet in eine solche Regierungsbeteiligung gehen müssen, wenn wir Vertrauen nicht enttäuschen wollen.

sueddeutsche.de: Was sind das für spezielle Typen, die Grünen-Wähler, die offenbar bereit sind, höhere Steuern zu zahlen, Selbstverzicht zu üben und ohne egomanische Reflexe auszukommen?

Lemke: Das waren jetzt gleich drei Vorwürfe in einem Satz. Unsere Wähler kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Was sie verbindet, ist der feste Wille, die Erde besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben. Sie setzen sich ein für Gerechtigkeit, für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen und für die Chancen zukünftiger Generationen. Dafür kampieren Zehntausende Menschen bei null Grad im Wendland und versuchen deutlich zu machen, wie wichtig ihnen eine vernünftige Energieversorgung ist.

sueddeutsche.de: Am Ende geht es Parteien immer darum, die eigene Machtbasis zu erweitern. Sind die Grünen da anders?

Lemke: Macht ist kein Selbstzweck. Die Grünen sind erfolgsorientiert. Wir messen aber Erfolg daran, was wir politisch umsetzen können.

sueddeutsche.de: Wenn die Grünen für ihre Vernunft, ihre Orientierung an Lösungen gewählt werden, besteht dann nicht die Gefahr, dass neu gewonnene Wähler sich von den Grünen wieder abgestoßen fühlen können, wenn sie sie im Gewühl von Anti-Atom-Demos entdecken?

Lemke: Wer dort war, so wie ich, und auf der Straße gesessen hat, der traf auf Gleichgesinnte, die - wenn man diese Kategorien schon benutzen will - so bürgerlich sind, da würde sich CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt erschrecken. Ich hätte ihn ja mit auf den Acker genommen, damit er sich die Zehntausenden angeblich linksautonomen Straftäter und Steinewerfer selbst hätte anschauen können. Das waren junge Leute, ältere Semester, Familienväter, Versicherungsvertreter, viele andere und selbst eine große Anzahl der Polizisten hätte wohl lieber demonstriert, als dort Dienst zu machen.

sueddeutsche.de: Castor-Transporte hat es unter Rot-Grün gegeben, gibt es jetzt und wird es auch geben, sollten die Grünen wieder regieren. Jene Grünen-Wähler, die Realismus in der Politik schätzen, müssten sich doch umgehend abwenden, oder?

Lemke: Der Anti-Atom-Protest in diesem Herbst richtet sich nicht allein gegen das Endlager in Gorleben oder die Castor-Transporte. Da wird ein gesellschaftlicher Großkonflikt ausgetragen. Es geht um die Frage, wie eine zukunftsfähige Energieversorgung für dieses Land aussehen wird. Niemand bleibt nächtelang bei bitterkalten Temperaturen auf der Straße sitzen, weil man mal ein bisschen protestieren will.

sueddeutsche.de: Glaubwürdigkeit, sagen Grüne, sei ihr wichtigstes Gut. In Hamburg konnten sie das Versprechen nicht halten, das Kohlekraftwerk Moorburg zu verhindern. Was aber ist, wenn sich solche Ereignisse wiederholen - sei es bei Stuttgart 21, den Laufzeitverlängerung für Atommeiler und der Wahl des Endlagers? Das sind ganz schön viele Glaubwürdigkeitsfallen.

Lemke: Wir weichen all diesen Fragen nicht aus. Aus Moorburg haben wir gelernt: Wir können nichts versprechen, von dem wir nicht sicher wissen, ob wir es halten können. Aber wir sagen, wir werden alles tun, um Stuttgart 21 zu verhindern und den Atomdeal rückgängig zu machen. Auch wir wissen, dass es ein Endlager geben muss. Wir wollen ein transparentes und ergebnisoffenes Endlagersuchverfahren. Nur: Gorleben ist eben kein geeigneter Standort.

sueddeutsche.de: Bereiten Ihnen diese Umfragewerte nicht manchmal Sorge? Dahinter steckt ja eine Erwartungshaltung, die Sie kaum werden erfüllen können.

Lemke: Natürlich kann es auch uns passieren, dass wir unsere Inhalte nicht richtig erklären oder missverstanden werden. Dann kann es auch schnell wieder runtergehen mit den Umfragen. Aber: Wenn wir uns den ganzen Tag darüber den Kopf zerbrechen würden, wie wir die Umfragewerte hochhalten können, dann vergessen wir, Politik zu machen. Deshalb reden wir nicht über Hirngespinste, sondern treffen uns an diesem Wochenende zum Arbeitsparteitag.

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