Grünen-Politikerin Steffi Lemke "Unser Erfolg ist hart erarbeitet"

Die Grünen als Nutznießer der Protestwelle im Land? Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke spricht über den plötzlichen Erfolg ihrer Partei und erklärt, warum sie CSU-Generalsekretär Dobrindt gerne mit nach Gorleben genommen hätte.

Interview: Thorsten Denkler

sueddeutsche.de: Frau Lemke, Ihre Partei macht Politik für die Windkraft- und Solarindustrie, Renate Künast will in Berlin Lehrer wieder verbeamten, unter denen sie viele Wähler haben. Sind die Grünen eine Klientel-Partei?

Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke: "Die Menschen erkennen, dass wir weit über den Tellerrand hinaus denken."

(Foto: ddp)

Steffi Lemke: Definitiv nicht. Diese Klientelpartei-Geschichte soll doch zum Kampfbegriff gegen uns aufgebaut werden. Aber darauf fallen die Leute nicht rein: Unsere Orientierung ist das Gemeinwohl. Uns geht es um die Lebensgrundlagen aller Generationen in unserer einen Welt. Uns geht es um Zukunft.

sueddeutsche.de: Dann sind die Grünen vielleicht eine bisher verkannte Volkspartei.

Lemke: Auch nicht. Der Begriff Volkspartei beschreibt den Zustand von CDU und SPD im letzten Jahrhundert. Er taugt aber nicht mehr, um auch nur eine der Parteien zu beschreiben, schon gar nicht die Grünen.

sueddeutsche.de: Warum nicht?

Lemke: Die Merkel-Partei CDU hat mit ihrer Lobby-Politik das Gemeinwohl schon lange aus dem Blick verloren. Und die Grünen haben sich nie nach den Kriterien eines Gemischtwarenladens beschreiben lassen. In einer Volkspartei versammelten sich klar zuzuordnende, homogene gesellschaftliche Milieus. Die Gesellschaft ist heute im 21. Jahrhundert ausdifferenzierter. Die Menschen wollen nicht mehr alle vier Jahre einer Partei ihre Stimme geben und dann stumm zusehen, was die damit machen. Sie wollen mitreden und mitbestimmen. Die Interessenlagen verteilen sich manchmal auf verschiedene Parteien. Viele Wähler bleiben nicht mehr über Jahrzehnte bei einer einzigen Partei.

sueddeutsche.de: Die Grünen liegen plötzlich stabil bei mehr als 20 Prozent. Ist das also letztlich nur Ausdruck dieses ständig wechselnden Wählerverhaltens?

Lemke: Das ist nicht plötzlich passiert, sondern das Ergebnis eines Trends, der bereits vor mehreren Jahren eingesetzt hat. Unsere Themen sind in der Breite der Gesellschaft angekommen. Zweitens wird immer stärker anerkannt, dass die Grünen sachorientiert arbeiten und konkrete Probleme lösen wollen. Das haben wir bewiesen - auch wenn der Wind mal kräftig von vorne bläst. Drittens sind wir die Partei, der eine starke Glaubwürdigkeit und Zukunftsorientierung zugeschrieben wird. Die Menschen erkennen, dass wir weit über den Tellerrand hinaus denken.

sueddeutsche.de: Und deshalb rennen Ihnen die Leute die Bude ein?

Lemke: Wir haben mit dazu beigetragen, dass in der Gesellschaft das Bewusstsein für Umweltschutz, nachhaltiges Wirtschaften und die Begrenztheit der Ressourcen wächst. Viele versuchen plötzlich grün zu sein - von McDonald's bis zu den Automobilkonzernen. Wir als Partei surfen aber nicht einfach auf einer grünen Welle - im Gegenteil, wir haben sie zu einem großen Teil selber erzeugt.

sueddeutsche.de: Das mag ja das Rekordergebnis der Bundestagswahl vom September 2009 erklären, als Sie 10,7 Prozent bekommen haben. Aber innerhalb eines Jahres haben sich ihre Zustimmungswerte verdoppelt. Wie erklären Sie sich diesen Plop-Effekt?

Lemke: Das war kein Plop-Effekt. Wir fahren seit vier, fünf Jahren bei Landtagswahlen ein Rekordergebnis nach dem anderen ein. Im Bund haben wir unseren Zuspruch auch dem kompetenten und geschlossenen Auftreten der gesamten Partei und der katastrophalen Regierungsarbeit von Schwarz-Gelb zu verdanken. Offensichtlich findet unsere jahrelange harte Arbeit immer mehr Zustimmung bei immer mehr Menschen. Die wollen etwas bewegen und ihre Stimmen nicht denen geben, die hinter verschlossenen Türen die eigenen Vorteile und die ihrer Wähler-Lobbys im Blick haben. Die CDU hat in den letzten zwölf Monaten sechs Ministerpräsidenten verloren, die zum Teil einfach Fahnenflucht begangen haben. Das hat viele suchen lassen nach einer politischen Kraft, die ernsthaft und glaubwürdig für die Menschen arbeitet.

30 Jahre Grüne

Die Anti-Parteien-Partei