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Grünen-Politikerin Baerbock:Die bessere Kanzlerkandidatin?

Annalena Baerbock, Buendnis 90/Die Gruenen Parteivorsitzende, posiert fuer ein Foto. Berlin, 06.03.2018. Berlin Deutsch

Mal streitet sie mit Kohlekumpeln, mal mahnt sie mehr Härte bei Abschiebungen an: Grünen-Chefin Baerbock erarbeitet sich gerade ein "hartes" Politikfeld nach dem anderen.

(Foto: Thomas Trutschel/imago)

So sehr Robert Habeck mit Erwartung überhäuft wurde, so sehr wurde Annalena Baerbock unterschätzt. Doch bei den Grünen beginnen sich die Gewichte zu verschieben.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Sie haben sich etwas Zeit gekauft, denn die Sache wird schmerzhaft, so viel steht fest. Erst nach Ostern soll geklärt werden, ob Annalena Baerbock oder Robert Habeck die Grünen in den Bundestagswahlkampf führt - und eine mögliche Kanzlerkandidatur übernimmt. "Die Frage wird im Geiste der Gemeinsamkeit entschieden", verspricht Bundesgeschäftsführer Michael Kellner, der jetzt manchmal klingt wie ein Wanderprediger der Harmonie. Dabei steuert seine Partei auf den härtesten Schnitt ihrer jüngsten Geschichte zu.

Baerbock oder Habeck - auch bei der Neujahrsklausur des grünen Parteivorstands, die noch bis Montag läuft, steht diese Frage in der Tür wie die dreizehnte Fee. Dabei wollten die Grünen alles Mögliche beraten, nur keine Personalien. Um den Bundestagswahlkampf geht es da, in dem die Grünen SPD und Linkspartei das Feld sozialer Gerechtigkeit streitig machen wollen, einerseits. Andererseits wollen sie die Union mit dem Klimaschutz vor sich hertreiben und gern auch aus dem Kanzleramt.

Ein ehrgeiziges Programm ist das. Denn die Grünen wissen noch nicht einmal, mit welchem Gegner sie es zu tun haben werden. In der CDU wird bald ein neuer Parteichef gewählt, ob er auch Kanzlerkandidat wird, ist offen. Friedrich Merz? Wäre ein Geschenk, zumindest aus strategischer Sicht, meint jemand in der Grünenzentrale. Denn weltoffene Konservative oder ehemalige Merkel-Wählerinnen, die in einer retraditionalisierten Merz-CDU ihre Heimat verlieren, wären bei den Grünen hochwillkommen. Anderen im Grünenvorstand hingegen graust vor einer Rechtsdrift der CDU und einem populistischen Wahlkampf.

Die Grünen dachten, das Problem werde sich von allein lösen

Wer Grüne fragt, wer diesen Wahlkampf anführen sollte, Habeck oder Baerbock, hört zunächst das immer Gleiche: Sich zwischen zwei so tollen Kandidaten entscheiden zu müssen, sei ja wohl ein "Luxusproblem". Lange dachten die Grünen auch, das Problem werde sich von allein lösen. Tut es aber nicht. Denn Annalena Baerbock macht keine Anstalten, beiseitezurücken. Und die Gewichte beginnen sich zu verschieben, zu ihren Gunsten.

Dabei sah es beim Start der Parteivorsitzenden ganz anders aus. Damals entdeckte die Öffentlichkeit in Robert Habeck ein Talent. Er verzichtete auf handelsübliche Rhetorik, verstand Politik nicht als Gefecht, sondern als Teamwork der Verschiedenartigen. Ein neuer Ton zog da ein und ein Parteichef, neben dem mancher etablierte Politiker ältlich wirkte. Habeck könne wie kein anderer die Erzählung der grünen Bündnispartei weiterspinnen, sagt eine Parteifreundin. Sie sagt dann noch etwas leiser dazu, dass es schwer werden könne demnächst.

Denn so sehr Habeck mit Erwartung überhäuft wurde, so sehr wurde Annalena Baerbock unterschätzt, auch von eigenen Leuten. Sie lobten die heute 40-Jährige zwar immerfort als kompetent. Bei den meisten aber galt Habeck als Nummer eins. Gerade im bürgerlichen Mittelfeld der Gesellschaft werde er eher als möglicher Kanzler akzeptiert, lautete das Kalkül. Wenn schon ein Grüner bei Konservativen Gnade finde, dann eher ein Mann über 50, der schon Minister war.

Immer wieder betritt Baerbock grüne Schmerzzonen

Und Baerbock? War nie Ministerin, was parteiintern als Wettbewerbsnachteil gilt. Ansonsten aber erobert die gebürtige Niedersächsin sich ein sogenanntes hartes Politikfeld nach dem anderen. Mal streitet Baerbock mit Kohlekumpeln, mal mahnt sie mehr Härte bei Abschiebungen an oder bei der Erhöhung des Wehretats. Immer wieder sind es grüne Schmerzzonen, die die Parteichefin betritt. Und während Habeck sich tapfer in die Finanzpolitik wühlt, sich hin und wieder verhaspelte und das auch zugibt, weiß Baerbock Patzer hinter einer ausnehmend selbstbewussten Fassade zu verbergen.

Konkurrenz? I wo, heißt es bei den Grünen. Nur manchmal blitzt da so etwas durch. Hühner, Schweine, Kühe melken, das sei Roberts Feld, sagte Baerbock mal in einer NDR-Dokumentation, "ich komme eher aus dem Völkerrecht." Hinterher habe ihr das leidgetan, sagen Leute, die es wissen sollten. Spätestens seit Baerbock öffentlich erklärte, sie traue sich das Kanzleramt zu, aber der Robert natürlich auch, ist Beobachtern klar: Sie will wirklich und macht keine Anstalten zu weichen. Oder um es mit den Worten von Bundesgeschäftsführer Kellner zur sagen: "Es bereiten sich beide darauf vor."

Ohne Gesichtsverlust kommt Baerbock aus der Geschichte kaum noch heraus. Vielleicht ist Umkehr ohne Hohngelächter der Konkurrenz gar nicht mehr möglich. Immer mehr Frauen bei den Grünen zeigen inzwischen offen, wen sie sich für die Spitzenkandidatur wünschen. "Sie hat Führungsstärke und ist trittfest", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Katja Keul mit Blick auf Baerbock. Dass nach CDU, CSU, SPD, FDP und AfD nun auch die Grünen mit einem männlichen Spitzenkandidaten antreten könnten, "das wäre für uns schwierig." Noch sei die Entscheidung wohl nicht gefallen. "Aber wenn Annalena Baerbock das machen wollte, würde sie das."

Habeck würde zurückziehen - wenn auch ungern

In Habecks Umfeld gilt es als wahrscheinlich, dass er sich in diesem Fall zurückziehen würde, wenn auch ungern. Warum nicht den vielen alten Herren in der Politik einen "Ardern-Effekt" entgegensetzen, fragt einer der erfahrenen Köpfe in der Partei. Gemeint ist die junge neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern. Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Grünenfraktion, sieht in Baerbock die bessere Waffe gegen die Union. "Eine Frau mit hohen Kompetenzen wirft die Frage auf: Wer wählt eigentlich CDU?", sagt sie. Ein Antwort auf ihre ungelöste Frauenfrage habe die Union nicht gefunden.

Anruf bei Jürgen Trittin, der sacht daran erinnert, dass die Grünen noch lange nicht da sind, wo sie hinwollen. "Es wird keinen Kuschelwahlkampf geben, sondern harten Streit um politische Konzepte", sagt er. Mit weichen Tönen allein, so kann man das verstehen, wird dieser Wahlkampf nicht zu gewinnen sein. Also eher Baerbock? So will Trittin das nicht gemeint haben. "Erst kommt die schwierige Wahl in Baden-Württemberg. Dann werden die beiden entscheiden. Und die Partei wird diese Entscheidung tragen." Es klingt nicht, als läge ein Spaziergang vor seiner Partei.

© SZ
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