Grünen-Parteitag in Berlin:Trittin flüchtet vor den Tränen

Bundesparteitag Grüne

Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin wird mit Blumen verabschiedet.

(Foto: dpa)

Zwei Blicke zurück und einer nach vorn: Die Grünen verabschieden feierlich ihre Fraktionschefs Trittin und Künast. Rührende Szenen, in die Parteichef Özdemir so gar nicht hinein passt. Er will wiedergewählt werden, die Delegierten reagieren auf seine Bewerbung mit Liebesentzug.

Von Michael König, Berlin

Cem Özdemir schaut zur Seite. Sein Kiefer malmt. Der Parteichef der Grünen wendet sich seiner Sitznachbarin zu, der Ko-Vorsitzenden Claudia Roth. Sie reagiert nicht auf ihn. Özdemir wendet sich ab. Probiert es nochmal. Roth zischt ihm etwas zu, ohne den Blick abzuwenden. Sie schaut nach vorn. Sie nickt. Dann steht sie auf und klatscht, minutenlang. Özdemir bleibt sitzen.

Vorne, da steht Jürgen Trittin. Er war der Spitzenkandidat der Grünen im Bundestagswahlkampf - und Fraktionschef. Jetzt, auf dem Parteitag der Grünen in Berlin, hält er seine Abschiedsrede. Er hat feuchte Augen. Die Delegierten feiern ihn. Trotz allem. Enttäuschende 8,4 Prozent haben die Grünen bei der Bundestagswahl geholt, das Ergebnis wird ihm angelastet. Vier Wochen später soll die Pleite auf einem dreitägigen Parteitag aufgearbeitet werden. "Wir werfen einen Blick zurück und zwei nach vorn", hat Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke angekündigt. Tatsächlich ist es eher andersrum.

Wer ist schuld? Was ist schiefgegangen? Özdemir hat das erste Wort. Er hält die Auftaktrede, eine Bewerbungsrede. Er will im Amt bleiben. Anders als Trittin, anders als Roth, die am Samstag als Parteichefin von Simone Peter aus dem Saarland abgelöst werden wird. Özdemir will die personelle Neuaufstellung der Grünen überstehen. Das wird wohl klappen, wenn auch mit einem schlechten Ergebnis. Er rechne mit "Unmut", hat er Anfang der Woche gesagt.

"Es gibt nichts schönzureden"

Einen ernstzunehmenden Gegenkandidaten hat er zwar nicht. Aber nach ihm sprechen Trittin und Kretschmann. Özdemir steht im direkten Vergleich. Besteht er ihn? Die Reaktion der Delegierten sieht nicht gut für ihn aus.

"Es gibt nichts schönzureden, unser Wahlergebnis tut weh", sagt Özdemir. "Wir müssen darüber sprechen, warum das erwartete Ergebnis am Ende so sehr vom tatsächlichen Ergebnis abwich." Er erwähnt den Veggie-Day. Aber das sei doch "abenteuerlich", was da passiert sei: "Immer mehr Menschen essen immer weniger Fleisch. Immer mehr interessieren sich für Öko-Landbau." Natürlich wollten die Grünen den Menschen ihr Fleisch nicht verbieten. "Das Schlimme ist aber: man traut es uns zu!"

Özdemir nennt die Steuerfrage. Die Grünen hätten "die Menschen mit der Fülle von Maßnahmen und mit Steuertabellen einfach überfordert." Aber: "Das Ziel bleibt richtig. Der Staat braucht Mittel, um sie zu investieren und Schulden abzubauen. Aber ich schlag vor, dass wir über den konkreten Weg nochmal reden."

So geht es weiter. Ja, aber. Nicht alles falsch, nicht alles richtig. Nochmal drüber reden. "Natürlich trage auch ich hier Verantwortung", sagt Özdemir. "Meinen eigenen Anteil arbeite ich ehrlich für mich auf. Ich wäre bescheuert, wenn ich nicht hinterfragen würde, was ich wann, wo, wie falsch gemacht habe."

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