Süddeutsche Zeitung

Grünen-Parteitag:Grüne, wie haltet ihr's mit der Autoindustrie?

Daimler-Chef Dieter Zetsche darf nach Querelen auf dem Parteitag der Grünen sprechen. Das gefällt nicht allen. Besonders Winfried Kretschmann hat für manche Grüne ein aufreizend entspanntes Verhältnis zur Autoindustrie.

Von Max Hägler, Stuttgart

An diesem grauen Februartag im vergangenen Jahr dürften sich so manche ganz autokritische Mitglieder bei den Grünen mal wieder geärgert haben: Der Prominenteste aus ihrer Partei, Winfried Kretschmann, stieg da mit breitem Lächeln in einen schweren, dunklen Mercedes: seine aktuelle Dienstlimousine mit Hybridantrieb, frisch ab Werk.

Die Fotos gingen durch die Republik, genau wie die, wo der Ministerpräsident von Baden-Württemberg im selbstfahrenden Mercedes-Lastwagen herumkurvt. Fünf Jahre führt Kretschmann nun das Autoland. Und in dieser Zeit hat sich das Verhältnis zwischen ihm und der Autoindustrie geändert: Man hat sich angenähert. Sein Slogan von einst - weniger Autos sind besser als mehr - gilt so nicht mehr.

Ob und wie sich in dieser Zeit Kretschmanns Verhältnis zu den Grünen insgesamt gewandelt hat, das wird sich am Sonntag zeigen. Daimler-Chef Dieter Zetsche ist zum Parteitag nach Münster geladen, um über Autos und Mobilität zu diskutieren. Dort scheint er nicht allen willkommen zu sein, und das kann bei den streitfreudigen Grünen Blüten treiben.

Am Freitagabend entschieden die Delegierten über einen Antrag, mit dem Zetsche wieder ausgeladen werden sollte. Ergebnis: Er darf kommen. Bereits zuvor war Kritik laut geworden: Wir können doch nicht ausgerechnet dem Verursacher von Abgaskrise und Klimadesaster eine Bühne geben! Als Gegenpol hat die Parteitagsregie Jürgen Resch eingeladen, den Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, der im Dauerclinch mit Daimler liegt. Es wird also kein einfacher Auftritt für Zetsche, der mitteilen lässt, dass er sich kritischen Fragen stellen werde.

Ein grüner Vorzeigekonzern ist Daimler noch nicht

Der Autokonzern ist verstrickt in den Dieselskandal; 247 000 Autos rief Daimler in diesem Jahr zurück, weil Ingenieure die Abgasreinigung allzu motorenschonend und damit umweltschädlich eingestellt hatten. Es war nicht ganz so arg wie bei Volkswagen, die Stuttgarter sagen, man habe sich im gesetzlichen Rahmen bewegt. Aber ein grüner Vorzeigekonzern sind die Schwaben noch nicht. Derzeit ist in Deutschland erst ein Elektroauto-Modell im Angebot.

Das wird sich ändern, viele Milliarden Euro fließen bei Daimler in die Entwicklung neuer Antriebstechniken. Darüber wird Zetsche sprechen, über Carsharing und darüber, dass Elektromobilität von den Kunden gewünscht werden muss, nicht angeordnet werden kann. Und er wird erklären, dass die Industrie noch einige Jahre Verbrennermotoren optimieren und verkaufen will, auch weil der wirtschaftliche Erfolg dieser Modelle den Wandel finanziert.

Als im Frühjahr die unfeine Optimierung der Abgastechnik aufkam, da blieben die Grünen in Baden-Württemberg recht still, vorsichtig merkten sie an, dass sie besorgt seien. Wobei das auch die Sorge vor dem eigenen Imageschaden war. Kretschmann und seine Leute haben gelernt, dass das Land seinen Wohlstand zu einem guten Teil dieser Industrie und ihren Arbeitsplätzen verdankt.

Statt draufzuhauen auf die Fehler der Vergangenheit will die grün-schwarze Regierung lieber den Weg in die Zukunft mitgestalten. Zumal man sich in der Krise noch näher gekommen ist. Seit dem Abgasskandal rede man wirklich intensiv miteinander, heißt es aus dem Staatsministerium und aus der Daimler-Zentrale. Gerade erst zur blauen Plakette, mit der in einigen Jahren unterbunden werden soll, dass alte Diesel-Autos durch die Städte rußen.

Auch der Parteivorsitzende Cem Özdemir, der selbst Schwabe ist, hält sich mit Kritik am Konzern zurück. Die Vergangenheit werde im Untersuchungsausschuss des Bundestages aufgearbeitet, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Jetzt gehe es darum, Verkehrsmittel neu zu erfinden. Das nahende Ende des Verbrennungsmotors habe drastische Konsequenzen für das Geschäftsmodell der Autokonzerne, und damit auch für die Arbeitsplätze. Das könne zu immensen sozialen Verwerfungen führen: "Und wer wäre denn geeigneter als Gesprächspartner als das Unternehmen, welches das Automobil erfunden hat und damit Mobilität ganz anders ermöglicht hat."

Einfach werde diese Debatte sicher nicht, sagt Özdemir, aber ermuntert seine Parteifreunde zu Selbstbewusstsein - und Pragmatismus: "Die Energiewende haben wir ja auch nicht nur mit den Energierebellen aus Schönau und Greenpeace besprochen - sondern auch mit den Konzernen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3245651
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.11.2016/pamu
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.