Claudia Roth macht weiter Nach der Krise ist vor der Wiederwahl

Ihre Urwahl-Niederlage hat Claudia Roth in ein emotionales Tal gestürzt. Vielleicht auch, weil die 26 Prozent das erste ehrliche Wahlergebnis ihrer Karriere sind - eine Urwahl ist eben etwas anderes als ein Parteitag. Dennoch tut Roth gut daran weiterzumachen.

Eine Analyse von Thorsten Denkler, Berlin

Claudia Roth wird wieder antreten auf dem Parteitag am kommenden Wochenende in Hannover. Sie will - nun doch - Parteivorsitzende bleiben und sich dem Votum der Delegierten stellen. Eine gute Entscheidung, für sie selbst und für die Partei. Claudia Roth ist das emotionale Aushängeschild der Grünen. Sie lacht und weint, ist sauer und fröhlich und zeigt das alles auch. Wenn es sein muss, mehrmals am Tag. Sie ist im Grunde kein Typ für das harte Geschäft der Bundespolitik. Und doch hält sie sich seit mehr als zehn Jahren an der Spitze der Partei. Länger hat es dort bisher kein Grüner ausgehalten.

Das Ergebnis der Urwahl hat sie offenbar in tiefe Zweifel gestürzt. Sie selbst spricht von einer "herben Klatsche" und "bitterer Enttäuschung". Gerade einmal 26 Prozent der Mitglieder wollten sie neben Jürgen Trittin als Spitzenkandidatin der Grünen sehen. Jetzt ist es Katrin Göring-Eckardt geworden. Die eher zurückhaltende, verbindliche ostdeutsche Reala ist die perfekte Ergänzung zum aufbrausenden Parteilinken aus dem Westen.

Roth hat ernsthaft überlegt, ob sie hinschmeißen soll, ob diese 26 Prozent reichen, sich noch einmal zur Wahl um den Parteivorsitz zu stellen. Wer Roth kennt, weiß, dass das keine rationale Überlegung war, die sie über das Wochenende hin getrieben hat. Es war eine emotionale Krise, ausgelöst durch das wahrscheinlich erste wahrhaft ehrliche Wahlergebnis ihrer Karriere.

Grünen-Parteichefin nach Urwahl

Claudia kämpft weiter

Bisher hat sie sich fünfmal den Voten von Parteitagen gestellt. Ihr schlechtestes Ergebnis bisher lag bei 66 Prozent. Ihr bestes bei 82,7 Prozent. Parteitage sind aber viel berechenbarer als Mitgliederentscheide. Die Obrigkeitshörigkeit ist zwar längst nicht so verbreitet wie bei der Konkurrenz, Geschlossenheitsappelle haben unter Grünen nur eine begrenzte Wirkung. Und doch wusste Roth meist schon vorher, dass sie gewählt werden würde. Die Frage war nur, mit welchem Ergebnis.

Delegierte sind eine für grüne Verhältnisse immer noch halbwegs berechenbare Gruppe. Sie werden wie in anderen Parteien schon vor einem Parteitag auf bestimmte Positionen eingeschworen, sei es von ihren Landesvorständen oder ihren Kreisverbänden, von denen sie entsandt werden. Es gibt Delegierten-Besprechungen kurz vor und während der Parteitage, in denen immer wieder die Positionen auch zu Personen festgelegt werden.

Delegierte sind oft auch Funktionäre. Ortsvereinsvorsitzende, Landeschefs, Vorstandsmitglieder aller Ebenen lassen sich als Delegierte aufstellen. Das Heer der so genannten Karteileichen, Parteimitglieder, die sich nie auf einer Sitzung blicken lassen, wird von ihnen kaum abgebildet.

Hinter einem Abstimmungsverhalten steckt so oft schlichtes Machtkalkül: Wenn ihr unseren Kandidaten unterstützt, dann helfen wir eurem. Manches schlechte Wahlergebnis ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass sich die Delegierten eines mächtigen Landesverbandes schlecht behandelt gefühlt haben.

Das ist alles nichts Ehrenrühriges. In der Politik geht es immer um Interessenausgleich, um das Schmieden von Kompromissen. Das ist in Sachfragen nicht anders als in Personalfragen. Daraus ergibt sich auch diese ritualisierte Alternativlosigkeit: Der Parteivorstand stellt ein ausgewogenes Personaltableau vor, oft in wochenlangen Verhandlungen austariert und mit den Landesverbänden abgestimmt.