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Grüne:Neustart mit Gästen

Am Wochenende kämpft die Partei gegen das Umfragetief an. Dabei soll ihnen auch der Niederländer Jesse Klaver helfen. Der weiß, wie man Wahlkämpfe erfolgreich gestaltet.

Die Lage ist nicht gut, und die Stimmung wird seit Wochen nicht besser. Deshalb soll den Grünen jetzt ein generalstabsmäßiger Schlachtplan bessere Zeiten bescheren. Diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man den Ablaufplan für den bevorstehenden Parteitag zur Hand nimmt. Nun sind Zeitpläne immer üblich. Aber dieses Mal fällt eine Regieführung ins Auge, wie es sie so schon lange nicht mehr gegeben haben dürfte. Nicht nur die beiden Spitzenkandidaten sind wohl platziert und werden am Anfang, in der Mitte und am Ende auftreten. Auch alle potenziellen Widersacher, Gegner, Nörgler sind wie engste Mitstreiter ins Programm eingewoben worden. Es soll nichts schiefgehen von Freitag bis Sonntag. Das steht über allem.

Was auch nur zu verständlich ist. Zu viel ist in den letzten Monaten anders gelaufen, als es sich die Grünen erhofft haben. Aus der Urwahl erwuchs keine eigene Stärke; zu lange und zu offensichtlich zweifelten die wichtigsten Nicht-Kandidaten wie Jürgen Trittin und Winfried Kretschmann an den Auserwählten. Dann kam auch noch Pech dazu, weil die Grünen unmittelbar nach dem Votum für Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir vom Überraschungscoup eines Sigmar Gabriel überrollt wurden. Plötzlich schaute alle Welt auf den vermeintlich ganz neuen Martin Schulz als SPD-Kanzlerkandidaten - und das bei Weitem nicht so alte Spitzenduo wirkte plötzlich altbacken.

Grün wie die Hoffnung: Jesse Klaver, auch bekannt als der niederländische Trudeau, soll die deutschen Kollegen inspirieren.

(Foto: Bart Maat/AFP)

Was folgte, war auch nicht viel besser: Denn seitdem die SPD mit den Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen drei Niederlagen einfuhr, schmilzt die Zustimmung für die Sozialdemokraten, ohne dass die Grünen davon profitieren könnten. Und so dümpeln sie drei Monate vor der Bundestagswahl bei sieben bis acht Prozent herum und suchen nach dem ganz großen Knall, mit dem sie den Trend brechen könnten.

Aus diesem Grund sind nun alle Hoffnungen auf den Parteitag im Berliner Velodrom gerichtet. Aufbruch, Geschlossenheit, neuen Optimismus - all das braucht die Partei, die nach dem 24. September so gerne wieder regieren würde. Helfen soll ein Programm, das auf den Kampf gegen Massentierhaltung setzt, auf den unverbrüchlichen Einsatz für den Klimaschutz und auf Weltoffenheit. Wie mangelhaft das bislang gelaufen ist, zeigt ein Blick auf die Diesel-Verbotspläne großer Städte und die Nitrat-Warnungen des Bundesumweltamtes. In beiden Fällen müsste die Wirklichkeit den Grünen in die Hände spielen. Tatsächlich aber bleiben die Entwicklungen ohne Spuren in den Umfragewerten.

Und so sind alle mittlerweile sehr angespannt; ein kollektiver Neuanfang ist bitter nötig geworden. Auch deshalb sind viele Kritiker eingebunden, indem sie einzelne Kapitel des Wahlprogramms einbringen. Wenn sonst nichts hilft, soll wenigsten Geschlossenheit helfen.

Hinzu kommt die Hoffnung, dass auch Impulse von außen neue Kraft geben könnten. Zu diesem Zweck haben die Grünen einige ausländische Gäste eingeladen, darunter Carmen Perez, die Co-Vorsitzende des Women's March on Washington, einer Anti-Trump-Bewegung. Noch interessanter dürfte Jesse Klaver, der Niederländer, werden. Er hat im vergangenen Herbst mit einer leidenschaftlichen Kampagne für die Grünen einen großen Erfolg eingefahren.

Jesse Klaver

Jesse Klaver, geboren 1986, wird gern als der "niederländische Trudeau" bezeichnet, in Anspielung auf den smarten, jungen und auch gern hemdsärmelig auftretenden kanadischen Premierminister. Seine Mutter hat niederländisch-indonesische Wurzeln und bekam Jesse, als sie 20 war. Sein Vater hat marokkanische Wurzeln und die kleine Familie früh verlassen. Klaver ist Chef der GroenLinks-Partei in den Niederlanden. Für seine Kampagne bedient er sich an amerikanischen Vorbildern. Seine Message besteht vor allem aus drei Prinzipien: Hoffnung, Veränderung und Optimismus. Bei der jüngsten Wahl in den Niederlanden konnte seine Partei ihr Ergebnis von 2,3 Prozent auf 9,1 Prozent und von 4 auf 14 Sitze vervierfachen. Ein zweites Image hängt seit dieser Wahl an Klaver - der Anti-Wilders.

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Klaver ist 31 Jahre alt, er ist Sohn einer indonesischen Mutter und eines marokkanischen Vaters. Vor allem aber ist er ein leidenschaftlicher Kämpfer für mehr soziale Gerechtigkeit und wirkt deshalb wie ein charmanter Enkel des Amerikaners Bernie Sanders. Klaver empfiehlt den Grünen vier Dinge: eine optimistische Vision von der Gesellschaft; einen klaren Veränderungswillen, Empathie auch für jene, die ganz andere wählen - und den Mut, auf das eigene Thema zu setzen. Klaver sagte der Süddeutschen Zeitung: "Man darf keine Angst haben, muss gewissenhaft sein und braucht gute Ideen, um reale Probleme zu lösen."

Für den Niederländer haben die Grünen zwei zentrale Aufgaben; sie müssen gegen den Klimawandel und für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Dabei mahnt er eine andere Antwort auf die Globalisierung an. Diese habe das Leben nicht für alle besser gemacht. "Viele Menschen sind verunsichert, sie sorgen sich um ihre Zukunft und die ihrer Kinder", so Klaver. "Sie haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle über ihr Schicksal verloren haben, auch durch die Globalisierung." Klaver warnt die deutschen Grünen davor, alle Anhänger der AfD als "zornige weiße Männer" zu beschimpfen. "Du musst jeden als Teil der Gesellschaft akzeptieren. Tust du das nicht, begehst du einen schweren Fehler." Demokratie heiße, mit jedem zu reden, auch wenn man ganz andere Meinungen vertrete. Natürlich habe er glasklar konträre Positionen zum Rechtspopulisten Geert Wilders. "Aber wenn ich mit seinen Wählern spreche, sehe ich viele Dinge, die sich alle Menschen wünschen: eine gute Ausbildung, sichere Straßen, eine gute Gesundheitsversorgung."

Ach ja, einen Ratschlag hat Klaver auch noch: Wer gewinnen wolle, brauche nicht nur einen oder zwei an der Spitze. Man brauche "ein Team, das wirklich die besten einer Partei aufbietet". Letzteres versuchen die Grünen, so viel kann man schon sagen, jedenfalls beim Blick auf den Berliner Zeitplan. Kretschmann, Trittin, die Schleswig-Holsteiner - alle haben sich mindestens formal einbinden lassen.

© SZ vom 16.06.2017
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