Grüne mit Drang ins Kanzleramt:Zur bloßen Hülle degradiert

Hoogvliet gibt sich daraufhin "hocherfreut, dass Sie unseren Gleichbehandlungsanspruch nunmehr auch mit Ihrem Hinweis unterstützen, dass bereits andere Parteien, konkret die SPD, das Kanzleramt zum Drehen von Wahlwerbespots in der Vergangenheit nutzen konnten". Der Grünen-Wahlkampfmanager muss zugeben, dass ihm das "tatsächlich nicht mehr präsent" gewesen sei.

Warum die damalige Opposition - also auch die Union - nicht auf die Idee gekommen sei, auf ihr "Gleichbehandlungsrecht" und einen Spot im Kanzleramt zu pochen, vermag er nicht zu sagen: "Ob sie etwa ein wenig verschlafen war und es deshalb versäumt hat, entsprechend unserem jetzigen Anliegen vorzugehen, entzieht sich unserer Kenntnis. Sie sollten dieses in der Bundesgeschäftsstelle der CDU erfragen."

Für Baumanns "freundliche Andeutung", die Bundeskanzlerin persönlich könne in dem Grünen-Werbespot mitspielen, bedankt sich Hoogvliet - lehnt aber ab: Es gebe "die begründete Vermutung, dass sie nicht für die Inhalte steht, die Bündnis 90/Die Grünen vertreten. Deshalb kommt sie als Werbeträgerin für uns nicht in Frage. Damit erübrigt sich aus unserer Sicht auch die Abstimmung konzeptionell-inhaltlicher Fragen."

Damit wähnt sich Hoogvliet am Ziel und bittet Baumann erneut um einen Drehtermin. Doch die Büroleiterin lässt nicht locker, der Schriftverkehr geht weiter. Ein Werbespot ohne die Mitwirkung der Kanzlerin, "oder zumindest eines Vertreters der Leitung des Bundeskanzleramtes" würde das Kanzleramt zu einer "bloßen 'Hülle', jedenfalls aber zu einer Kulisse degradieren", schreibt Baumann. Hoogvliet lenkt daraufhin ein: "Wenn Sie, sehr verehrte Frau Baumann, aber unbedingt mitspielen möchten, ließe sich das sicher machen."

In einem anderen Punkt ist hingegen keine Einigung in Sicht: Sie verweist auf ein Youtube-Video, das die Grünen produziert haben. Es zeigt den Merkel-Spot der CDU - mit einer veränderten Tonspur.

Baumann schreibt: "In Ihren Schreiben haben Sie betont, dass sie erstens inhaltlich einen Spot drehen möchten, der die Programmatik der Partei Bündnis 90/Die Grünen wiedergibt, ihr zumindest nicht entgegensteht, und dass Ihnen dabei zweitens insbesondere Bilder mit Blick auf den Reichstag und das Paul-Löbe-Haus wichtig sind." Beide Ziele scheinen ihr "unzweifelhaft mit dem von Ihnen bearbeiteten Spot erfüllt zu sein".

In dem manipulierten Spot legen die Grünen der Kanzlerin unter anderem in den Mund: "Ich sehe mich gerne als Kanzlerin. Dann muss ich nur hier sein und alles aussitzen. Gemeinsam können wir viel verhindern." Der Spot endet mit dem Slogan "Wir haben die Atomkraft", einer Verballhornung des Original-CDU-Spruchs "Wir haben die Kraft."

"Vor diesem Hintergrund", schreibt Baumann, "bitte ich um Verständnis, dass ich die hohe Dringlichkeit Ihres Antrages nicht erkennen kann." Die Tore des Kanzleramts bleiben für die Grünen vorerst geschlossen.

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