Grüne im Aufwind Riesiger Erfolg, riesige Verantwortung

Augen zu und durch: Grünen-Chef Robert Habeck bei der Verkündung der ersten Landtagswahl-Hochrechnungen im bayerischen Landtag in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

In Bayern zweitstärkste Kraft, in Hessen vielleicht sogar die Nummer eins - die Grünen genießen großen Zulauf. Aber sind sie auch bereit, in die Fußstapfen der SPD zu treten?

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Im allgemeinen Trubel gab es am Sonntagabend in München bei den Grünen einen, der nicht recht einstimmen wollte in den Jubel. Das nachdenkliche Gesicht, das beinahe sorgenvoll wirkte, gehörte Robert Habeck. Seit knapp einem Jahr ist er Co-Vorsitzender der Grünen, etwa zur gleichen Zeit begann der Aufstieg in den Umfragen. Das hängt nicht nur, aber auch mit ihm zusammen. Der große Erfolg bei der Wahl in Bayern zeigt, dass die Grünen tatsächlich dabei sind, die SPD als linke Kraft der Mitte abzulösen. Und Habeck schien bewusst zu sein: Die Grünen müssen sich mit ihrer Verantwortung für die deutsche Politik jetzt ganz neu auseinandersetzen.

Laut Umfragen könnte die Partei in gut einer Woche in Hessen sogar stärkste Kraft werden. Aber solche Siege der Grünen sind auch eine riesige Wette auf die Zukunft. Für viele nämlich, die durch ihre Stimmen für die Grünen zum neuen Aufstieg beitragen, ist die Entscheidung nicht nur Zeichen der Unterstützung für urgrüne Anliegen. Sie verbinden damit Erwartungen, die weit über den Umwelt- und Klimaschutz hinausgehen.

Kompromissbereitschaft anstatt ideologischer Scheuklappen

Die Partei bekommt plötzlich Wähler aus verschiedenen Milieus. Und darunter sind nicht wenige, die auf eine liberale, weltoffene Gesellschaft hoffen und zugleich mehr Polizei und mehr Sicherheit einfordern. Darunter sind andere, die auf mehr Leidenschaft für Europa setzen, aber deshalb nicht jede Gentechnik ablehnen. Und sie sehnen sich danach, dass jemand all diese Ziele mit Optimismus und Kompromissbereitschaft verfolgt, nicht mit ideologischen Scheuklappen.

Genau an der Stelle wird es für die Grünen schwierig. Egal, welche Koalition am Ende aus den Wahlen in Hessen am 28. Oktober hervorgehen wird - auch dort wird ein Wahlsieger Tarek Al-Wazir Kompromisse akzeptieren müssen. Das wird den Grünen selbst in Hessen einiges abverlangen. Ja, selbst wenn der bislang noch als unwahrscheinlich geltende Fall eintreten sollte, dass mit Al-Wazir ein zweiter Grüner nach Winfried Kretschmann Ministerpräsident werden könnte, müssten die Grünen (und damit auch die Grünen im Bund) Zugeständnisse an andere mittragen. Zugeständnisse, die wehtun werden.

Für die Kretschmanns, Al-Wazirs und Habecks mag das im Rahmen ihrer Verantwortungsethik normal sein. Viele andere in der Partei finden es bis heute viel schöner, mit Leidenschaft die reine Lehre zu vertreten. Deswegen sind gerade unter den jungen Enthusiasten bislang auch viele, die froh sind, dass ihnen Koalitionsverhandlungen mit der CSU erspart blieben.

Führende Grüne wie Habeck müssen die Courage und die Kraft haben, eine Brücke in Regierungsbündnisse hinein zu bauen, die auch Zweifler und Kritiker überqueren. Was das im Konkreten deutet? Dass die Union beim Thema Sicherheit und Innenpolitik harte Vorstellungen vertreten dürfte; dass die FDP beim Thema Steuersenkungen und Digitalisierung durchaus Schmerzhaftes einfordern könnte. Ja, dass selbst die SPD im Fall der Fälle eine Sozialpolitik erzwingt, die für die grünen Überzeugungen von Nachhaltigkeit und Umweltschutz kaum zu verdauen wäre.

Sind die Grünen tatsächlich bereit, in die Fußstapfen der SPD zu treten - mit allen Möglichkeiten des Regierens und allen Gefahren, die damit verbunden sind? Die Sozialdemokraten haben über Jahrzehnte hinweg gezeigt, was das bedeutet, im Guten wie im Schlechten. Schon bald werden die Grünen entscheiden müssen, ob sie bereit sind, dieses Risiko einzugehen.

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