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Grünen-Spitzenkandidat Kretschmann:Warme Worte zur Wattwanderung

Landesparteitag Grüne Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nach seiner Wahl zum Spitzenkandidaten.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Auf einem abgespeckten Parteitag wählen Baden-Württembergs Grüne den Ministerpräsidenten Kretschmann zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Parteichef Habeck schickt überraschend herzliche Worte.

Von Claudia Henzler, Reutlingen

Dass die Grünen den beliebten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an diesem Samstag mit großer Mehrheit zu ihrem Spitzenkandidaten wählen würden - das war klar. Überraschend war eher, wie inbrünstig sich Bundesparteichef Robert Habeck als Kandidat für den Vorsitz eines inoffiziellen Kretschmann-Fanclubs ins Spiel gebracht hat.

Während die Parteispitze in Berlin in der Vergangenheit immer mal wieder die Augen gerollt hat, wenn es um den Oberpragmatiker Kretschmann im Südwesten ging, wirkt Habecks Grußwort, wegen der Corona-Pandemie per Videobotschaft zum Parteitag nach Reutlingen geschickt, als wolle er wegen der räumlichen Distanz eine umso größere emotionale Nähe herstellen. Minutenlang schwelgt er in Anekdoten über gemeinsame Erlebnisse mit "Kretsch", wie Habeck Baden-Württembergs Ministerpräsidenten nennt.

Im Watt entdeckte "Kretsch" das Große im Kleinen, sagt Habeck

Habeck hat bekanntlich lange als Schriftsteller gearbeitet. Er weiß, was eine gute Geschichte ausmacht. In seiner Videoansprache erzählt er, wie er an einem kalten Apriltag im Jahr 2012 - er war damals noch Umweltminister in Schleswig-Holstein - bei einer ersten gemeinsamen Wattwanderung mit dem Parteifreund gespürt habe: "Hier ist ein Politiker, der das Große im Kleinen sieht und auszusprechen weiß."

Landesparteitag Grüne Baden-Württemberg

So fern und doch so nah: Bundeschef Habeck sendet warme Worte per Video.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Und er erinnert an eine Nacht in Berlin, als dort um ein Gesetzespaket zur Flüchtlingspolitik gerungen wurde. Er selbst sei nicht überzeugt gewesen von diesem Paket, sagte Habeck, da habe Kretsch zu ihm gesagt: "Robert, ich bin auch nicht überzeugt und zufrieden. Aber ich werde zustimmen, weil das Scheitern unsere Gesellschaft zerreißen würde." Habeck atmet vor der Kamera effektvoll durch. "Und es war ein so eindringlicher Moment, wie ich ihn davor in meinen Jahren in der Politik kaum erlebt habe." Nicht weniger als "ein beispielgebender Moment" sei dies gewesen, sagt der Parteivorsitzende. Er habe gemerkt, wie sehr der Kollege aus Stuttgart mit sich gerungen habe.

"Man kann gut und oft anderer Meinung sein als er", sagt Habeck über Kretschmann, "ich bin es auch. Aber eines kann man ihm nie vorwerfen: dass er Strategie vor Überzeugung stellt, dass er nicht tief denkt, dass er seine Politik vom Ethos der Verantwortung bestimmen lässt. Das ist selten und vorbildlich, auch für mich persönlich."

Selbst Kretschmann wirkt gerührt, als er danach auf die Bühne der Reutlinger Stadthalle tritt. Mit 91,5 Prozent ist der 72-Jährige von den Delegierten symbolisch zum Spitzenkandidaten nominiert worden. Seit 2011 führt er die Regierung in Baden-Württemberg. Kretschmann bedankt sich nicht nur "für das tolle Ergebnis", sondern auch ausdrücklich für die Gegenstimmen. So zweifle wenigstens niemand daran, dass die Wahl korrekt verlaufen sei: Denn beim Landesparteitag in Reutlingen sind nur die engste Parteiführung und einige Dutzend Mitarbeiter anwesend (die am Morgen alle erst einmal einen Corona-Schnelltest bestehen mussten). Die gut 200 Delegierten nehmen dagegen von zu Hause aus teil und stimmten elektronisch ab.

Noch bis Sonntag diskutieren die Delegierten virtuell über das 125-seitige Wahlprogramm der Landespartei, in dessen Zentrum der Klimaschutz steht.

© SZ/berk
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