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Grüne: Hans-Christian Ströbele:"Es gibt bei vielen ein echtes Erwachen"

Hans-Christian Ströbele, linkes Urgestein der Grünen, ist überzeugt, dass seine Partei trotz des Erfolgs glaubwürdig bleibt. Er zeigt im sueddeutsche.de-Gespräch sogar Verständnis für grüne Wähler, die mit dicken Autos zum Biomarkt fahren.

Hans-Christian Ströbele gehörte 1978 zu den Gründern der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz, aus dem der Berliner Landesverband der Grünen hervorgegangen ist. Er war der größte parteiinterne Kritiker von Joschka Fischer als Außenminister der rot-grünen Bundesregierung. Vor der Bundestagswahl 2002 distanzierte er sich ausdrücklich von bestimmten Positionen der Partei und warb in seinem Wahlkreis in Berlin (Friedrichshain-Kreuzberg und Prenzlauer Berg-Ost) mit dem Slogan: "Ströbele wählen heißt Fischer quälen" - und errang das erste Direktmandat der Grünen.

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Hans-Christian Ströbele gilt als grünes Urgestein.

(Foto: dpa)

sueddeutsche.de: 28 Prozent der Deutschen würden bei einer Bundestagswahl jetzt die Grünen wählen, sagt eine forsa-Umfrage. Und in Baden-Württemberg wird Ihr Parteifreund Winfried Kretschmann wahrscheinlich Ministerpräsident. Wie geht es Ihnen angesichts dieser Erfolge?

Hans-Christian Ströbele: Mir geht's sehr gut, ich freue mich.

sueddeutsche.de: Ist Ihnen angesichts dieses großen Zuspruchs vielleicht ein bisschen unbehaglich?

Ströbele: Nö. Überhaupt nicht. Wie kommen Sie darauf?

sueddeutsche.de: Die Grünen galten lange als Partei, die die Gesellschaft stark verändern will. Aber glauben Sie, dass tatsächlich so viel mehr Menschen bereit sind, Ihnen da zu folgen? Oder hat sich die Partei verändert, so dass sie für mehr Menschen wählbar ist?

Ströbele: Beides ist natürlich richtig. Die Partei hat sich verändert. Das können Sie schon an ihren Repräsentanten sehen. Natürlich haben sich auch die Positionen verändert. Aber inzwischen haben die Grünen in vielen Fragen, von der Atomenergie bis hin zu den Kriegs- und Friedensfragen, sogar zu Positionen gefunden, die wieder näher an denen von vor 20 Jahren liegen. Es hat aber auch in der Gesellschaft eine erhebliche Umwandlung gegeben. Ich würde sogar von einer Zeitenwende sprechen. Die Grünen sind mit ihren Themen angekommen. Und zwar schon lange vor Japan - jedenfalls hier in Berlin und den anderen Metropolen. Unser dickstes Pfund ist die Glaubwürdigkeit. Das bestätigen mir viele Leute, die früher FDP, die Linke, die SPD, aber auch die CDU gewählt haben. Und das wird jetzt noch erheblich dadurch gefördert, dass wir gerade durch die Katastrophe in Japan schrecklich Recht bekommen haben in unseren Voraussagen zu den Risiken für unsere Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Es gibt den Verdacht, dass viele Bürger mit der Wahl der Grünen nur ihr Gewissen entlasten wollen. Ein SZ-Kollege hat dafür das Bild vom Grünenwähler bemüht, der mit dem Porsche-Cayenne zum Altglascontainer fährt. Das wären Menschen aus den wohlhabenderen Kreisen mit einem ökologisch leicht korrigierten Lebensstil, die aber eigentlich keine generelle Veränderung der Gesellschaft wollen.

Ströbele: Das sind böse Formulierungen für ein richtiges Phänomen. Es gibt Leute, die sich früher vielleicht schon politisch engagiert haben, auch mal auf der Straße waren und jetzt zu Demonstrationen gegen Atomkraft oder für Frieden auf die Straße gehen oder sich an Bürgerinitiativen beteiligen. Sonst machen die politisch selbst wenig. Die kümmern sich um die Familie, den Beruf, die Karriere, die Bildung. Aber sie haben gleichzeitig den Anspruch an sich selbst, dass die Gesellschaft verändert werden muss. Und diesem Anspruch kommen sie nach, wenn sie den Ströbele wählen oder die Grünen. Weil sie meinen, dass die am ehesten etwas verändern.

sueddeutsche.de: Ist das keine Heuchelei? Was halten Sie denn von Leuten, die einer Arbeit nachgehen, die die Umwelt belastet, und dann im Bioladen den Käse aus der Region kaufen?

Ströbele: Treiben wir es doch auf die Spitze: Es gibt Leute, die die großen Autos bauen, die wir nicht mehr wollen, weil sie umweltschädlich sind. Wollen wir denen wirklich übelnehmen, dass sie im Bioladen einkaufen, sich gegen Atomstrom entscheiden und den Müll sortieren? Wir sind doch alle in unserem Leben inkonsequent. Ich kaufe mir auch mal die Milch bei Edeka und nicht im Bioladen. Trotzdem tun wir etwas für die Umwelt und die Energiewende, weil wir meinen, dass sich die Gesellschaft in diese Richtung entwickeln muss.

sueddeutsche.de: Werden diese Wähler den Grünen treu bleiben, wenn die Partei wie in Baden-Württemberg in der Regierungsverantwortung ist und tatsächlich Maßnahmen ergreift, die weh tun? Wird die Partei wieder verlieren oder sogar weiter zulegen?

Ströbele: Jetzt werden wir wieder ganz hochgeschrieben. Und wenn wir wieder drei Prozent weniger haben, sind wir für die Medien wieder im freien Fall. Natürlich geht das hoch und wieder runter; wir bemühen uns, es hoch zu halten. Aber viele Menschen werden uns weiter wählen, solange sie sehen, dass wir bei den wichtigen Inhalten konsequent bleiben, für die wir die Umfragewerte bekommen. Inhalte, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind: Umwelt, Energie, Atomausstieg.

sueddeutsche.de: Auch wenn der Strom dann teurer wird?

Ströbele: Unsere Wähler werden das akzeptieren. Ich halte übrigens wenig davon, zu versuchen, die Grünen jetzt umzudefinieren. Die Leute haben im Verlauf der Jahrzehnte gelernt, wofür wir stehen. Wir sollten jetzt nicht versuchen, die Partei anders zu definieren, etwa als Partei der Inneren Sicherheit oder der Großtechnologien oder so. Denn jetzt stellen die Leute fest: Die Grünen haben immer vor Gefahren gewarnt, aber sie wurden beschimpft und als die ewig Unzufriedenen betrachtet. Dabei hatten sie ja Recht! Das ist bei vielen ein echtes Erwachen.

sueddeutsche.de: Mit 28 Prozent in den Umfragen und einem Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg - sind die Grünen jetzt eine Volkspartei?

Ströbele: In den Metropolen sind wir das doch schon lange. Und das weitet sich auf das Land aus. Es geht jetzt darum, wer ist die größere Volkspartei? Hier in Berlin zeigen Umfragen uns bei 28 Prozent, die CDU bei 21 Prozent. Und bei der Bundestagswahl 2009 waren wir in zwei riesigen Wahlkreisen in der Mitte Berlins die stärkste Partei.

sueddeutsche.de: Während der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder sind viele Entscheidungen getroffen worden, mit denen Sie persönlich nicht glücklich waren. Glauben Sie, das wird in Zukunft anders sein, wenn die Grünen an immer mehr Regierungen beteiligt sind?

Ströbele: Ich hatte Schwierigkeiten mit vielen Sachen, zum Beispiel mit den Kriegseinsätzen und Hartz IV. Wenn Sie mich vor fünf Jahren gefragt hätten - da waren die Grünen in der Regierung meiner Ansicht nach auf Wegen, zu denen ich gesagt habe, die können wir nicht gehen. Da müssen wir neue Mehrheiten organisieren. Aber inzwischen haben sich die alten Grundsätze wieder erheblich gefestigt. Außerdem konnten wir in der Koalition immerhin beweisen, dass mit den regenerativen Energien die Wende möglich ist. Hätten wir diese Gelegenheit nicht gehabt, sähe es jetzt völlig anders aus. Zu zeigen, dass das geht, ist auch eine der Grundlagen für den jetzigen Erfolg.

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