Grüne Göring-Eckardt macht Platz für die nächste Generation

Göring-Eckardt führte die Grünen in zwei Bundestagswahlen.

(Foto: REUTERS)

Sie führte die Grünen in zwei Bundestagswahlen, beim nächsten Mal will sie keine Spitzenkandidatin mehr sein. Über eine pragmatische Grüne, die verzichtet, aber nicht verschwindet.

Von Nico Fried, Berlin

Katrin Göring-Eckardt hat eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen, aber es klingt wie die Ankündigung eines Generationswechsels: Bei der nächsten Bundestagswahl will die Fraktionsvorsitzende sich nicht mehr um die Spitzenkandidatur der Grünen bewerben. Zweimal hatte die Thüringerin ihre Partei in den Wahlkampf geführt, 2013 mit Jürgen Trittin, 2017 mit Cem Özdemir. Beim nächsten Mal sollten das andere machen, sagte Göring-Eckardt der Funke Mediengruppe.

So reden Politiker gewöhnlich am Ende einer langen Karriere, ehe sie sich allmählich in den Ruhestand verabschieden. Die Karriere von KGE - wie sie selbst ihren Namen bereits abkürzte, lange bevor Annegret Kramp-Karrenbauers AKK Furore machte - währt ja auch schon lange. Und doch ist Göring-Eckardt erst 52 und plant gewiss keinen Rückzug. In keiner Partei können junge Frauen seit jeher so früh Verantwortung übernehmen wie bei den Grünen. Die Kehrseite besteht darin, dass schon zu den höheren Semestern zählt, wer gerade mal ein Jahr älter ist, als es Angela Merkel zum Zeitpunkt ihrer ersten Wahl zur Bundeskanzlerin war.

Göring-Eckardt, die in Zeiten der Wende zu den Gründungsmitgliedern von Bündnis 90, dem späteren Fusionspartner der Grünen, gehört hatte, zog 1998 in den Bundestag ein und wurde gleich parlamentarische Geschäftsführerin. Nach der Bundestagswahl 2002 bildete sie zusammen mit Krista Sager in der Fraktion eine weibliche Doppelspitze, die als Gegenpol zum von Männern wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Otto Schily und Jürgen Trittin dominierten rot-grünen Kabinett wirkte. Göring-Eckardt, seit ihrer Jugend in der evangelischen Kirche engagiert, verheiratet, Mutter, war damals auch aufgrund ihrer für die Grünen ungewöhnlichen Biografie nicht unmaßgeblich daran beteiligt, dass die Partei sich für neue Themen wie die Familienpolitik öffnete und die Koalition zum Beispiel in der Rentenpolitik vor Maßnahmen zulasten der jüngeren Generation zurückschreckte.

Die Fraktionschefin ist nicht weg vom Fenster

Vor allem aber saß KGE stets in den rot-grünen Spitzenrunden, hat also schon mal mitregiert - in einer Koalition, die das Land in sieben Jahren mit mehr Elan veränderte, als es Merkel in bislang 13 Jahren vermocht hat. Diese Erfahrung hat in Göring-Eckardt einen Drang zum Regieren geweckt, der sie seit 2005 begleitet, aber bislang nicht wieder befriedigt werden konnte. Sie wäre 2013 schon bereit gewesen, eine schwarz-grüne Koalition einzugehen, befand sich damit aber zusammen mit Winfried Kretschmann in der Minderheit. 2017 mag sie sich vielleicht schon als Ministerin einer Jamaika-Koalition gesehen haben, was schließlich von der FDP durchkreuzt wurde.

Die vielleicht größte Gemeinsamkeit der Ex-DDR-Bürgerinnen Merkel und Göring-Eckardt besteht in ihrem ideologiefernen Pragmatismus, in dem Kritiker eher Prinzipienlosigkeit sehen. KGE, einst Verfechterin der Agenda-Politik, geriet in Erklärungsnot, als sie ihre Wahlkämpfe später plötzlich Hartz-IV-kritisch anlegte. Ähnlich wie die Kanzlerin ist aber auch sie hart im Nehmen. Zudem ist sie, trotz ihrer leisen, manchen zu pastoralen Art, mit einem Machtbewusstsein ausgestattet, das ihr 2013 eine Rückkehr in die erste Reihe der Grünen ermöglichte, nachdem sie acht Jahre lang Bundestagsvizepräsidentin gewesen war und schon für Schloss Bellevue gehandelt wurde.

Aber auch Göring-Eckardt sieht, wie vor allem Annalena Baerbock (38) und Robert Habeck (49) den Grünen neuen Schwung vermitteln. Die Vorsitzenden sind, Stand heute, die natürlichen nächsten Spitzenkandidaten. Die Fraktionschefin ist deshalb aber nicht weg vom Fenster. Sie arbeitet am Abbau von Barrieren, die den Grünen in einer neu sortierten Parteienlandschaft auf Dauer nur im Wege stünden: Den jüngsten Durchbruch für eine Mehrheit zur Verfassungsänderung in der Bildungsförderung arrangierte Göring-Eckardt mit FDP-Fraktionschef Christian Lindner.

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