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Grundsatzprogramm:Sind die Grünen Partei der Wissenschaft - oder nur wenn es passt?

Maislabyrinth in Niedersachsen

Schwieriger Weg: Lange war "Genmais" ein Reizwort für die Grünen. Nun streitet die Partei über die Haltung zu erbgutveränderten Lebensmitteln, mal wieder.

(Foto: Timon Gerken/dpa)

Beim Parteitag soll die Haltung zur Gentechnik geklärt werden. Mit ihrer Hilfe ließen sich schließlich viele ökologische Probleme lösen.

Von Kathrin Zinkant, Berlin

Manchmal hängt das große Ganze an einem Detail. Wenn die Grünen am Freitagabend über Absatz 153 ihres Grundsatzprogramms abstimmen, wird es nicht nur um die Haltung der Partei zur Gentechnik gehen. Es geht um die Frage, ob die Grünen tatsächlich eine Partei der Wissenschaft sind. Oder nur, wenn es ihnen - wie beim Klimawandel - ins Konzept passt. Drei Anträge gibt es. Einer ist klar gegen, einer klar für eine Öffnung gegenüber der Gentechnik. Der dritte Antrag kommt vom Bundesvorstand und war zunächst eher für die Öffnung. Nach einer Last-Minute-Anpassung neigt er sich nun wieder mehr den Gegnern zu.

Dass die Gentechnik nach Jahrzehnten der klaren und indisputablen grünen Ablehnung so ein heikles Thema wird, liegt an neuen Methoden, die zwar zur Gentechnik zählen, mit den alten transgenen Verfahren jedoch wenig zu tun haben - und vor allem für die Ökologie neue Perspektiven bieten. Denn das sogenannte Gene Editing kann die gleichen kleinen Veränderungen im Erbgut von Pflanzen herbeiführen wie konventionelle Zuchtmethoden. Zugleich sind die neuen Verfahren ungleich schneller als die herkömmliche Zucht, sie sparen Ressourcen und sind auch für kleine Unternehmen erschwinglich.

Sie bergen daher die Chance, einige gravierende ökologische und soziale Probleme der Landwirtschaft zu lösen. Man kann Pflanzen mithilfe des Gene Editing robuster gegen Krankheiten machen. Vor allem ließen sich Pflanzen züchten, die keine oder nur noch weniger Unkrautvernichter benötigen, um zu wachsen. "Pestizide sind ein Riesenproblem", sagt Jens Boch von der Universität Hannover. Und die neuen Methoden seien keinesfalls riskant. Die Ergebnisse sind Boch zufolge nicht unterscheidbar von konventionellen Sorten, die genutzte Technik ist nicht nachweisbar - die Risiken einer Freisetzung sind deshalb so hoch wie beim Anbau einer konventionell gezüchteten Sorte.

"Genome Editing könnte ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu unserem gemeinsamen Ziel sein: eine nachhaltigere Landwirtschaft, die sich auch besser an die Herausforderungen des Klimawandels anpassen kann", so steht es denn auch in einem Appell an die Grünen, der nun kurz vor der Entscheidung veröffentlicht wurde. Mehr als 150 Wissenschaftler haben ihn unterzeichnet, auch Jens Boch gehört dazu. Es ist ein Hilferuf der Vernunft, der mit Agrobusiness oder Herbizidresistenzen nichts zu tun hat. "Auch wir wollen den Ackerbau nachhaltiger und ökologischer machen", sagt Biotechnologe Boch. Dafür müsse man aber nicht die Fakten leugnen.

Das sieht die grüne Heidelberger Stadträtin Dorothea Kaufmann genauso. "Wir können als Partei, aber vor allem als Menschen mit Verantwortungsbewusstsein nicht unsere Entscheidungen nach Gutdünken einmal am wissenschaftlichen Konsens ausrichten, wie beim Klimawandel. Und bei der Gentechnik dann diametral dagegen."

Doch was auch immer die Fakten sind: Ein Teil der Grünen stemmt sich gemeinsam mit Ökoverbänden bis zuletzt dagegen. So heißt es in einem aktuellen gemeinsamen Schreiben an die grünen Kreisverbände, es gebe Hinweise auf "erhebliche ökologische und gesundheitliche Risiken". Die Mehrheit der Bürger wolle keine Gentechnik. Vielleicht ist es der zweite Punkt, der auch den Bundesvorstand in letzter Sekunde dazu brachte, Risikoforschung und Vorsorgeprinzip im Antrag noch einmal zu betonen und die halboffene Tür damit ein kleines Stück weiter zuzuziehen.

© SZ/edel
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