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Grüne im Bundestag:Bloß keine Experimente

Fraktionssitzung der Grünen - Wahl der Vorsitzenden

Bei der Wahl zu den Fraktionsvorsitzenden von Bündnis90/Die Grünen in Bundestag unterlegen: Cem Özdemir

(Foto: dpa)

Die Revolution an der Fraktionsspitze der Grünen ist ausgeblieben. Zu groß war die Sorge, Veränderungen könnten die grüne Welle in Umfragen und Wahlen gefährden.

Na dann lieber doch nicht. Am Ende ist bei den Grünen die Revolution ausgeblieben. Bloß keine Experimente - das ist der Leitspruch der Partei in diesen Tagen. Was durchaus ein bisschen gemein klingen soll, weil es an biedere Wahlkämpfe der CDU aus dem vergangenen Jahrhundert erinnert. Als Beschreibung bleibt es gleichwohl richtig: Nichts hat die Fraktionsmehrheit am Ende mehr angetrieben als die Sorge, ein Sieg der Herausforderer könnte die grüne Welle in Umfragen und bei Wahlen gefährden.

Für Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, die in ihren Ämtern bestätigt wurden, ist das Beruhigung und Sicherheit in heiklen Zeiten. Und es ist der Lohn dafür, dass sie die Fraktion in den vergangenen zwei Jahren nicht nach vorne geschoben haben. Sie haben zuallererst eines geleistet: mannschaftsdienlich gespielt und der Partei den Vortritt gelassen. Die Wahl ist somit keine Frage des Esprits oder der Leidenschaft gewesen, sondern eine der Disziplin. Für die Grünen früherer Tage wäre das eine Sensation gewesen.

Für den nun unterlegenen Cem Özdemir freilich könnte das der letzte Versuch gewesen sein, noch einmal in die erste Reihe vorzustoßen. Seine Mitstreiterin Kirsten Kappert-Gonther hat dagegen gezeigt, dass sie sich auch mal ins politische Feuer wagt. Sie muss keine größeren Folgen fürchten. Für Özdemir aber ist die Niederlage schmerzhaft. Jeder weiß, was er kann; und die Mehrheit der Fraktion hat sich trotzdem entschieden, dass sie anderes wichtig findet. Unter solchen Umständen ist auch die Chance gesunken, dass er nochmal ein Ministeramt erlangt.

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Der frühere Parteichef Cem Özdemir und die Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther scheitern mit ihrer Kandidatur.

Damit hat ein Prinzip gesiegt, das auch schon in der Fußballnationalmannschaft gewirkt hat: Das Kollektiv ist wichtiger als die individuelle Stärke der einzelnen Spieler. Wo das endet? 2014 beim Weltmeistertitel. Und 2018 beim größten historischen Absturz der jüngeren Fußballgeschichte. Was bei den Grünen zuerst kommt, Triumph oder Niedergang, kann natürlich keiner sagen.

In Özdemir ist vielleicht für längere Zeit der letzte Politiker aus der ersten Reihe der Parteien verschwunden, der eine migrantische, in diesem Fall türkisch-schwäbische Herkunft hat. Das hat bei der Entscheidung jetzt offensichtlich keine wesentliche Rolle gespielt. Viele Menschen aber, die eine ähnliche Geschichte haben, könnten es trotzdem als Niederlage empfinden. Das ist kein gutes Signal.