bedeckt München 22°
vgwortpixel

Grüne:Bloß kein Blumensträußchen sein

Grüne - Kirsten Kappert-Gonther

Kirsten Kappert-Gonther, 52, kandidiert gemeinsam mit dem früheren Grünen-Parteichef Cem Özdemir für die Spitze der Grünen-Fraktion im Bundestag. Die Außendarstellung will sie ihm jedoch nicht überlassen.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

"Nach meiner Erfahrung werden Frauen gern mal unterschätzt": Kirsten Kappert-Gonther kandidiert so überraschend wie selbstbewusst für den Fraktionsvorsitz im Bundestag.

Sie spielt jetzt die Rolle der dreizehnten Fee, die unvermutet zur Tür hereingeplatzt ist und die Dinge durcheinander bringt. Nur, dass die Frau mit dem Kopfsteinpflasternamen halt nichts Böses im Schilde führt, wie sie versichert. Kirsten Kappert-Gonther, 52, hat 26 Jahre lang als Psychiaterin in Bremen gearbeitet. Das ist vielleicht nicht die schlechteste Qualifikation für das, was jetzt kommen könnte. Seit 2017 sitzt die Gesundheits- und Drogenexpertin im Bundestag, nun will sie an die Spitze der Grünenfraktion, mit dem ehemaligen Grünen-Chef Cem Özdemir.

Ganz einfach wird das nicht, denn Kappert-Gonther müsste sich bei der Wahl am 24. September gegen Amtsinhaberin Katrin Göring-Eckardt durchsetzen. Die Reformerin führt die Fraktion seit sechs Jahren, wenn auch nicht zu jedermanns Begeisterung. Die Parteilinke Kappert-Gonther wiederum, deren Bewerbung eine Überraschung war, gehört zu den Neulingen bei den Bundestagsgrünen. Sympathisch, fair, fachlich gut im Stoff, das sagen Parteifreunde über sie. Die Kandidatin studiere jetzt mit Interesse, wie die Abläufe in der Fraktion so seien. Das darf als dezenter Wink verstanden werden, dass Kappert-Gonther - anders als Özdemir - nicht eben als politischer Vollprofi gilt.

Genau das aber will die Parteilinke nicht sein: nur das Blumensträußchen am Revers von Realo Özdemir. "Ich mache hier nicht die Hausfrau", sagt sie. Das zielt auf die Bemerkung, Cem Özdemir könne als Fraktionschef ja die Außendarstellung übernehmen, während Co-Chefin Kappert-Gonther sich um Inneres kümmere, um die Kollegen. Der Mann geht raus zum Jagen, während die Frau daheim die lieben Kinder hütet - so hörte sich das in Kappert-Gonthers Ohren an. Die Rollenverteilung sei eher nicht nach ihrem Geschmack. "Nach außen und nach innen zu wirken, das geht am besten gemeinsam", sagt sie.

Sanft im Ton, robust im Selbstbewusstsein und ausdauernd beim Sprechen: So kann man sich Kirsten Kappert-Gonther vorstellen. Die gebürtige Marburgerin ist Tochter einer Psychologin und eines Arztes und gehört zu einer Grünengeneration, die die Anti-AKW-Bewegung, aber auch die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit politisiert hat. "Ich habe da einen durchaus kritischen Blick auf die Verstrickung deutscher Familien entwickelt", sagt sie. Gemeint ist auch die eigene Familie. Tradierte Behauptung von Ungleichwertigkeit, koloniales Erbe, solche Themen verfolgt sie in der Sozialpsychologie. Beim zweiten Staatsexamen ist das erste Kind unterwegs, beim dritten das zweite. Sechs Jahre sitzt die Psychiaterin in der Bremischen Bürgerschaft, kämpft gegen Hartz IV, für medizinische Chancengleichheit, auch für Frauen. Und ihr Mann? "Das ist eine sehr, sehr stabile, große Liebe", sagt sie nur.

Nun gibt es Grüne, die bezweifeln, ob eine wie Kappert-Gonther sich gegen einen wie Özdemir behaupten kann. Ob so etwas auch Männer gefragt würden, fragt Kappert-Gonther zurück. "Nach meiner Erfahrung werden Frauen gern mal unterschätzt." Wird sie Fraktionschefin, was die nächste Überraschung wäre, will sie die Aufgabe "mit Mut und Empathie" angehen. Und wenn nicht? "Ich bin kein leicht kränkbarer Mensch." Es klingt noch nichtmal gelogen.