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Annalena Baerbock:"Wir schaffen das nur miteinander"

Mit Teamgeist, Demut und Respekt: Beim ersten Auftritt nach ihrer Nominierung als Kanzlerkandidatin der Grünen gibt sich Annalena Baerbock kämpferisch - und skizziert, wie sie führen und Wählerstimmen gewinnen will.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

"Und so ist es heute zu sagen, dass die erste grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sein wird." Robert Habecks Stimme zittert ein wenig. Er hat drei Minuten gebraucht, um zum Höhepunkt seiner Ansprache zu kommen. "Annalena wird uns in den Wahlkampf führen." So, jetzt ist es raus. Es ist ein sehr emotionaler Moment. Und natürlich auch ein historischer. Die erste grüne Kandidatin könnte die zweite deutsche Kanzlerin werden. Er, Robert Habeck, verzichtet. Da kann man schon mal gerührt sein.

Der Verzicht manifestiert sich umgehend auch optisch. Plötzlich steht nur noch ein Pult auf der Bühne, und im ersten Moment fühlt es sich komisch an, dass da nur eine auf der Bühne steht, wo man sonst stets die Doppelspitze gesehen hat. Annalena Baerbock hebt an zu einer zehnminütigen Bewerbungsrede für das Kanzleramt - und schnell ist vergessen, dass da eben noch Robert Habeck neben ihr gestanden hat.

Sie wolle die Partei öffnen, Politik machen für die Breite der Gesellschaft, Deutschland in eine gute Zukunft führen. "Heute beginnt ein neues Kapitel für unsere Partei. Und, wenn wir es gut machen, auch für unser Land." Zukunft sei nichts, was einfach so passiere. "Wir haben es selbst in der Hand", sagt Baerbock.

"Jetzt zählt, was geht"

Was alles nicht gehe, "haben wir lange genug gehört. Jetzt zählt, was geht". Sie spricht vom Klimaschutz, ihrer kleinen Tochter, die schon bei der Pariser Klimakonferenz dabei gewesen sei. Aber auch von Europa, vom Mittelstand und der Industrie sowie der Pendlerpauschale. "Wir haben das Auto erfunden und das Fahrrad", umwirbt sie die, die womöglich gerade enttäuscht sind von der politischen Konkurrenz, die jetzt seit Tagen mitten in der dritten Welle um einen Kanzlerkandidaten streitet. Baerbock ist klar, kämpferisch und auch emotional, und die zentrale Botschaft ist am Ende eine, nach der sich gerade in der Pandemie viele sehnen. "Wir schaffen das nur miteinander."

Eine Minute vor 11 Uhr war noch eine Helferin mit roter Schaufel und Feger über die Bühne gehuscht, schnell ein paar Krümel noch beseitigen. Dann ging es los. Habeck begann. "Guten Tag und guten Morgen zu einem in der Tat besonderen Tag. Wir sind jetzt seit dreieinhalb Jahre eine Doppelspitze, es waren gute Jahre." Man habe einen neuen Führungsstil etabliert und Führung so gelebt, dass man aneinander wachse und sich nicht gegen die Füße trete. Nun seien die Grünen so erfolgreich geworden, "dass jetzt was passiert, was noch vor Jahren unmöglich erschien. Wir kämpfen um das Kanzleramt".

Dass Baerbock es werden würde, war in dem Moment klar, als beide die Bühne betreten und Habeck angehoben hatte zu reden. Da hatten noch zwei schmale grüne Stehpulte, pandemiebedingt auf Abstand, auf der schlichten Bühne gestanden, von der eine stilisierte, überdimensionierte Sonnenblume leuchtete. Rechts war eine Wand mit fröhlichen Menschen jeden Alters zu sehen, links gesund leuchtende Baumwipfel und die Botschaft "Herzlich willkommen!".

Auch der Ort der Verkündung ist eine Botschaft an diesem Montag, die Malzfabrik im hippen Teil Berlins zwischen Schöneberg und Tempelhof. Ein Ort, "der durch Kreativität und Kultur geprägt ist und sich durch eine umweltbewusste Positionierung hervorhebt", ist auf der Homepage der Malzfabrik zu lesen, und das könnte genauso auch im Parteiprogramm von Bündnis90/Die Grünen stehen.

Stabile Umfragewerte

Die Grünen sind die zweite Partei, die ihren Kanzlerkandidaten gekürt hat, der in diesem Falle eine Kandidatin ist. Zu den Überraschungen des Montags zählt auch, dass die Grünen bei ihrer Premiere - ja, es ist das erste Mal, dass sie mit einer eigenen Kandidatin für das Kanzleramt in den Wahlkampf ziehen - schneller sind als die Union, die damit unbestritten Erfahrungen hat.

Aber mit etwa 21 Prozent sind sie in den Umfragen stabil zweistärkste Kraft, also musste eine Kandidatin her. Und weil am Montag Markus Söder und Armin Laschet noch immer streiten und die Sorgenfalten in den Gesichtern vieler Parteifreunde aus der Union tiefer werden, wirkten die Grünen an diesem Tag umso lebensfroher. Sie vermittelten ein Gefühl, das nicht nur wegen der Pandemie dringend gebraucht wird.

Entscheidung vor Ostern gefallen

Wann die beiden das entschieden haben, wird Baerbock in der anschließenden Pressekonferenz gefragt. Und warum sie? Die Kandidatin steht konzentriert hinter ihrem grünen Pult, notiert sich was, spricht die Fragenden mit Namen an. Es sei ein Prozess gewesen, sagt sie, wie Robert Habeck das auch schon ausgeführt habe. Die Entscheidung sei vor Ostern getroffen worden.

Es sei nicht darum gegangen, ob jemand etwas besser oder schlechter mache, man habe sich das gegenseitig zugetraut. Den Grund erwähnt sie dann eher beiläufig: Natürlich habe "auch die Frage der Emanzipation" eine Rolle gespielt bei der Entscheidung. Man denkt sofort an Robert Habeck, der das vor Ostern schon angedeutet hatte: Baerbock habe als Frau das erste Zugriffsrecht, wenn sie wolle. Sie wollte. Und Habeck hat zu seinem Wort gestanden - anders als das jetzt gerade in der Union zu beobachten ist, wo Worte vom Vortag auch mal vergessen werden.

Ansonsten solle Vertrauliches vertraulich bleiben. Später wird sie noch mal auf die historische Bedeutung der Entscheidung für die Grünen kommen: "Wir haben ja nicht ausgemacht, wer gießt als Nächstes die Blumen, sondern wer tritt noch einmal besonders raus jetzt." Das sei nicht einfach gewesen und habe nur geklappt, weil es ein tiefes Vertrauen zueinander gebe.

Und, ja, sie habe große Demut und großen Respekt vor der Aufgabe. Aber wenn Regierungserfahrung das entscheidende Kriterium wäre, könnte man auch gleich mit der großen Koalition weitermachen. Sie habe einen klaren Kompass und sei lernfähig, Robert Habeck werde verstärkt seine Regierungserfahrung einbringen. Man werde ein Team bleiben.

"Wir trotten niemandem hinterher"

Ein persönliches Wahlziel in Prozent wollte Baerbock nicht nennen, aber eine klare Ansage hatte sie natürlich: "Wir treten an, um dieses Land an führender Stelle in die Zukunft zu führen, inhaltlich wie personell. Wir kämpfen um so viele Prozente, wie wir gewinnen können in den nächsten Monaten."

Und wer nun der liebste Koalitionspartner wäre? "Wir orientieren uns nicht an anderen Parteien", die Grünen hätten eigene Vorschläge, seien offen für Kritik. "Aber wir trotten niemandem hinterher."

Ob sie sich vorstellen könnte, mit der Union zu koalieren? Das könne man ja noch gar nicht sagen, es gebe kein Programm, wir wissen ja gar nicht, was sie wollen, "die sind blank bisher". Baerbock, die ihre politische Karriere in Europa begonnen hat, lässt eine eindringliche Mahnung an "Herrn Laschet und Herrn Söder" folgen. Man lebe in einer Welt mit großen Spannungen. Zum Glück könne man sich wieder die Hände reichen mit den USA, "aber es geht nichts von alleine", autoritäre Kräfte forderten die Demokratien heraus. "Dazu braucht es ein starkes Europa, und dafür braucht es eine Bundesregierung, die das vertritt. Und deshalb besorgt es mich, wenn Parteien, die das tragen, bröckeln." Sie wünsche Laschet und Söder sehr, dass es zu einer Einigung komme.

Und, übrigens, "meine Familie unterstützt mich voll und ganz dabei". Ihr Mann und ihre Kinder wüssten sehr genau, wo ihr Herz sei. Auch das wäre ja neu in Deutschland: dass eine Familie einziehen könnte ins Kanzleramt. Was nicht gefragt wurde, aber dennoch im Raum stand, war die Frage des Alters. Sei sie nicht ein bisschen jung? Mit ihrer Europaerfahrung hätte sie auf eine solche Frage womöglich auf Frankreich verwiesen. Emmanuel Macron war ein Jahr jünger, als sie jetzt ist, als er französischer Präsident wurde.

© SZ/plin
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