Grüne:Bürgerschreck aus dem Bürgertum

Joschka Fischer vorn Deutschland Die Grünen mit Turnschuhen und Topfpflanze im Deutschen Bundest

Stilbruch im hohen Haus: Joschka Fischer, wie er sich 1983 in Turnschuhen auf seinen Abgeordnetenplatz im Bundestag lümmelt.

(Foto: Sommer/imago)

Von der Anti-Partei zum Liebling der Mittelschicht: Die Grünen, bei denen sich an diesem Montag die K-Frage entscheidet, haben seit ihrer Gründung einen langen Weg zurückgelegt. Diese Entwicklung war nicht selbstverständlich.

Von Johan Schloemann

Die Grünen sind politische Normalität geworden, daran hat man sich schon lange gewöhnt. Sie regieren in vielen Landesregierungen und Rathäusern mit, immer öfter auch an der Spitze; nun wollen sie bei der Bundestagswahl mit der Union um den ersten Platz konkurrieren und damit ums Kanzleramt. Aber historisch ist diese Entwicklung nicht normal, jedenfalls nicht selbstverständlich.

Im Januar des vergangenen Jahres, als das Coronavirus noch weit weg zu sein schien, hat die Partei ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert, und da hatte man wieder einmal Gelegenheit, sich die Augen zu reiben: Aus der einst wilden "Anti-Partei", wie sie die Mitgründerin Petra Kelly ausgerufen hatte, war eine professionelle Reformkraft der Bundesrepublik geworden. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), seinerzeit dort als rechter Knochen verschrien, durfte gratulieren: "Der Beitrag der Grünen zum Bewusstseinswandel in Sachen Nachhaltigkeit lässt sich nicht bestreiten." Die "Alternativen", die heute niemand mehr so nennt, galten anfangs als Schreck der Bürger und der Parlamente; bärtige Gestalten riefen da von 1982 an plötzlich aus den Reihen des Bundestages, schon das ganze Auftreten taugte zum Tabubruch. Im Jahr 1985 wurde aber ihr erster Landesminister vereidigt, Joschka Fischer in Hessen, und 2011 ihr erster Ministerpräsident, Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg.

Entstanden war der westdeutsche Teil der Partei einst aus verschiedenen Milieus der Friedens- und Umweltbewegung der Siebzigerjahre, die der Historiker Sven Reichardt in einer großen Studie mit der Überschrift "Authentizität und Gemeinschaft" versehen hat. Diese Gemeinschaft bestand in der Staatsferne, im Protest gegen die Lebenslügen und die ökologischen Zerstörungskräfte der kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft. Wie authentisch sie sein sollen, das beschäftigt die Grünen bis heute.

Einst nahmen sie selbst an Sitzblockaden teil - das ist vorbei

Für die Öffentlichkeit am sichtbarsten ist die Veränderung in Stil und Habitus der Partei. Die Öko-Schlabberpullover, früher Gegenstand längst abgenudelter Witze, wurden spätestens beim Eintritt in die Regierungskoalition mit Gerhard Schröders SPD im Jahr 1998 gegen Sakkos und Blazer ausgetauscht. Eine Annalena Baerbock strickt nicht in der Öffentlichkeit - und wenn sie es täte, würde sie es nicht mehr Stricken, sondern urban knitting nennen. Unterdessen werfen die CEOs von Dax-Konzernen ihre Krawatten weg und duzen ihre Mitarbeiter, und so gleicht sich das Aussehen und Stil der Eliten wieder aneinander an.

Die Kleider- und Stilfragen sind dabei nur äußerliche Zeichen eines tiefer gehenden Wandels. Dieser zeigt sich in besonderer Weise am Umgang mit Protesten, die man "zivilen Ungehorsam" genannt hat. In den Achtzigerjahren nahmen prominente Grüne an Sitzblockaden gegen die Stationierung von amerikanischen Atomraketen teil, sie riefen beim US-Stützpunkt Mutlangen: "Unser Mut wird langen!" Die Gewaltfrage - gegen Menschen? gegen Sachen? - war damals in der Partei heftig umstritten.

Heute hingegen sagt etwa der grüne Oberbürgermeister von Wuppertal, Uwe Schneidewind, dass auch die Aktivisten, die im Hambacher Forst gegen weiteren Braunkohleabbau vorgehen, sich an die Gesetze halten müssten. Und genauso verteidigt der grüne Wirtschaftsminister von Hessen, Tarek Al-Wazir, dass er nichts gegen den Ausbau einer Autobahn unternimmt, gegen den er "sein ganzes politisches Leben", wie er sagt, gekämpft hat. Er sei nun mal als Minister an demokratisch getroffene Beschlüsse gebunden.

Der Staat ist nicht mehr prinzipiell böse

Das heißt, die Grünen treten heute für den Rechtsstaat ein, für geordnete Verfahren. Und sie werben um Vertrauen dafür, dass sich Veränderungen nur mit stabilen Institutionen erreichen lassen, auch wenn diese viel flexibler und mutiger werden müssten. Der Staat ist hier und da noch tendenziell verdächtig, aber nicht mehr prinzipiell böse. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Britta Haßelmann kämpft für den Parlamentarismus. Ein weiterer Stilwandel, der ins Grundsätzliche geht, ist das Stillstellen von Flügelkämpfen, die einmal erbittert waren zwischen "Realos" und "Fundis" und nicht mehr nach außen getragen werden. Stattdessen: Wohnzimmer-Optik auf Digitalparteitagen.

Diese Veränderungen entsprechen Wünschen vieler Wähler einer toleranten städtischen Mittelschicht mit mehr oder weniger starkem ökologischen Sensorium, die man gerne auch als "neue Bürgerlichkeit" bezeichnet. Der Begriff ist zwar im Deutschen leider notorisch unpräzise - soll er ausdrücken, dass sich Partizipationshoffnungen erweitern oder dass eine Verspießerung eintritt? Außerdem stammte auch der alternative Bürgerschreck vor vierzig Jahren mehrheitlich selber aus dem sogenannten Bürgertum. Trotzdem weiß man atmosphärisch-soziologisch schon ungefähr, was damit gemeint ist, besonders wohl, wenn man Wahlkämpfer ist. Im Stil der Selbstoptimierung würde man sagen, dass die Grünen und ihre Klientel eine gemeinsame "Reise" hinter sich haben.

Im Jahr 2015 meinte der Historiker Paul Nolte: "Die Grünen haben sich zu Tode gesiegt." Das war voreilig. Die erneute Stabilisierung seitdem verlief parallel zu anderen dramatischen Entwicklungen: dem Abstieg der Sozialdemokratie, dem Aufstieg der AfD sowie von Fridays for Future, der ungeduldigeren, jüngeren Umweltbewegung. Die Grünen dagegen versuchen erst einmal, Rigorismus und Zumutungen zu vermeiden, beim Benzinpreis, bei den Steuern, bei der Abschaffung des Eigenheims. Diese Zurückhaltung ist nicht nur Wahltaktik. Die Stellen der Systemgegnerschaft sind inzwischen anders besetzt. Und so bleibt derzeit geschickt verdeckt, dass zur vollen Umsetzung des Grünen-Programms nach wie vor radikale Reformen nötig wären.

© SZ
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