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40 Jahre Grüne:"Mit Sicherheit reifer, als es die FDP ist"

Populismusbarometer 2018

"Die neue, liberale, bürgerliche Partei": Wolfgang Merkel, 68, ist Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Politologe Wolfgang Merkel hält die Grünen heute für eine "Partei der gebildeten, höheren Mittelschichten". Warum sie trotzdem keine Volkspartei werden - und welchen Fehler sie vermeiden müssen.

SZ: Vor 40 Jahren gegründet, sind sie laut Umfragen heute die zweitstärkste politische Kraft der Republik. Haben die Grünen allen Grund zu feiern?

Wolfgang Merkel: Ja, die Grünen sind auf dem Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere. Und sie können noch mit einem zusätzlichen Pfund wuchern: Sie stehen für die großen Fragen der Zukunft wie Klima oder Ökologie und sind deshalb in hohem Maße zukunftsfähig.

Von der "Anti-Parteien-Partei" zur Volkspartei in 40 Jahren...

Die Grünen sind eine junge Partei, ich meine auch, dass sie regierungsfähig sind. Aber sie sind keine Volkspartei. Eine Volkspartei muss in der Lage sein, quer durch alle sozialen Schichten und sozial-moralischen Milieus Wählerinnen und Wähler anzuziehen. Das tun die Grünen nicht. Sie sind in der unteren Hälfte unserer Gesellschaft nur ganz wenig präsent. Aber die große Zeit der Volksparteien ist so und so vorbei, und es wäre anachronistisch, wenn die Grünen etwas sein wollten, was sich historisch überholt hat.

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Aus den Underdogs von einst ist eine Partei der Besserverdienenden geworden?

Nicht nur der Besserverdienenden, sondern mehr noch der Bessergebildeten. Sie ist die Partei der gebildeten, höheren Mittelschichten, urban, wenn nicht gar metropolitan und in der jüngeren Bevölkerung sehr präsent. Dass sie aus einer politisch und kulturell vielschichtigen Bewegung entstanden ist, das hat heute keine Bedeutung mehr. Die Sozialdemokratie ist auch aus revolutionären Kräften hervorgegangen und hat sich schon in der Weimarer Republik als regierungsfähig erwiesen. Und so sind auch die Grünen zu einer Partei wie alle anderen geworden, wenn auch mit jüngerem Image.

Die Grünen waren zwischen 1998 und 2005 bereits Regierungspartei, damals als Juniorpartner der SPD. Wären sie heute fähig, eine Regierung zu führen, also nach den Worten des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder den Koch zu geben und nicht nur den Kellner?

Eine Mitte-links-Mehrheit, in der die Grünen dann führende Kraft wären, sehe ich nicht. Ich glaube eher, dass es eine kleine große Koalition mit CDU und CSU geben könnte. Die Grünen wären wohl für beide Koalitionsvarianten tauglich. Sie haben sich längst zurechtgefunden mit den Unwägbarkeiten des Regierens, und so schlecht war ihre Bilanz in den rot-grünen Koalitionen nicht. Und dann haben die Grünen noch etwas: eine hoch belastbare eigene Klientel, die zu ihnen steht. In Hessen etwa zeigen die Grünen keine besonderen Leistungen in der Regierung und werden dennoch belohnt. Sie haben eben genau die Themen, die jetzt und in Zukunft wichtig sind, glaubwürdiger besetzt als andere Parteien, präsentieren jüngere Gesichter, sind weiblicher und zeitgeistiger. Es spricht vieles für sie, und ich habe keinen Zweifel daran, dass sie regierungsfähig sind. Sie sind mit Sicherheit reifer, als es die FDP ist.

Woran machen Sie das fest?

Erinnern Sie sich an die Jamaika-Koalitionsverhandlungen, an das irrlichternde Verhalten des liberalen Parteichefs? Die Grünen dagegen haben alles getan, um zu zeigen, dass sie staatstragend sind. Sie sind in die Mitte gerückt, sind die neue liberale, bürgerliche Partei.

Wäre ein grüner Kanzler für die Leute wählbar?

Mit Sicherheit. Das Problematische einer Mitte-links-Koalition wäre für eine Mehrheit der Bevölkerung nicht die Grünen, sondern die Linken.

Würden die Grünen als Juniorpartner von Schwarz-Grün nicht in dieselbe Groko-Falle tappen, in der die SPD steckt?

Überhaupt nicht. Die SPD ist seit der Abwahl Schröders im Niedergang begriffen. Obwohl ihre Leistung in der großen Koalition gar nicht so schlecht war, kann sie nicht punkten, weil sie nicht das Image einer modernen, aufstrebenden Partei hat. Die Grünen haben dieses Image, sind unverbraucht und verkörpern den Wunsch nach Wandel ohne zu große Brüche. In einem schwarz-grünen Bündnis wäre eher die CDU in Gefahr, zum Blutspender für die modernere Partei zu werden. Die Grünen würden eher gewinnen als verlieren.

Was können sie noch falsch machen?

Sie könnten sich zu exklusiv auf die Klimafrage stürzen und Probleme der gerechten Verteilung vernachlässigen. Der strategische Fehler wäre, eine Ein-Punkt-Partei zu werden: Klima, Klima, Klima und sonst nichts. Aber danach sieht es nicht aus.

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