Berüchtigter Somali in Belgien verhaftet:Promi-Pirat in der Fahndungsfalle

Berüchtigter Somali in Belgien verhaftet: Filmprojekt als Lockmittel: Der verhaftete somalische Piratenführer Mohammed Abdi Hassan, genannt Afweyne ("Großmaul").

Filmprojekt als Lockmittel: Der verhaftete somalische Piratenführer Mohammed Abdi Hassan, genannt Afweyne ("Großmaul").

(Foto: AFP)

Er trägt den Spitznamen Afweyne - "Großmaul". Doch die somalische Piratenlegende Mohammed Abdi Hassan ist nicht nur ein Freund großer Worte, sondern auch eitel. Weil Afweyne an einem Dokumentarfilm über seine eigene Laufbahn als Seeräuber mitwirken wollte, reiste er nach Belgien. Und wurde prompt verhaftet.

Von Isabel Pfaff

Die Piraten am Horn vom Afrika gelten nicht unbedingt als Freunde öffentlicher Aufmerksamkeit - doch wer würde sich bei diesem Angebot nicht geschmeichelt fühlen? Als der somalische Piratenführer Mohammed Abdi Hassan hörte, dass ein belgisches Filmteam einen Dokumentarstreifen über ihn drehen wollte, willigte er ein.

Nun ist Mohammed Abdi Hassan nicht irgendwer: In Somalia ist er unter seinem Spitznamen Afweyne bekannt - übersetzt bedeutet das "Großmaul". Unter Experten gilt er als die wichtigste Figur unter den somalischen Piraten, die seit bald zehn Jahren die Gesetzlosigkeit Somalias ausnutzen und die Seehandelswege am Horn von Afrika unsicher machen.

Afweyne spielte in diesem Geschäft bis vor kurzem eine Schlüsselrolle. Die großen Schiffsentführungen der vergangenen fünf Jahre gehen angeblich auf sein Konto: die des saudischen Supertankers "Sirius Star" 2008 und die des ukrainischen Frachters "MV Faina" 2009, der russische Waffen geladen hatte. Bei der Entführung des belgischen Frachters "Pompei" im gleichen Jahr wurde die Besatzung des Schiffs 70 Tage lang als Geiseln festgehalten - auch dafür soll Afweynes Truppe verantwortlich gewesen sein.

Hohe Lösegeldzahlungen machen aus den Entführungen ein Millionengeschäft, eine echte Vefolgung der Taten gibt es im seit 1991 vom Bürgerkrieg heimgesuchten Somalia nicht. Dafür müssen Piraten damit rechnen, im Ausland vor Gericht zu stehen: Das Landgericht Hamburg verurteilte vergangenes Jahr zehn somalische Piraten wegen Entführung eines deutschen Containerschiffs zu langjährigen Haftstrafen. Für die "Pompei"-Kaperung hat die belgische Justiz bereits zwei Somalier zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Verdeckte Ermittler agierten als Dokumentarfilmer

Dass auch er womöglich gesucht werden könnte, hätte Afweyne ahnen können - doch das Angebot war für ihn wohl zu verlockend: Berater zu sein für einen Dokumentarfilm über Piraterie, der sein eigenes Leben nacherzählt. Nach monatelangen Gesprächen ließen sich Afweyne und sein Kompagnon Mohammed Aden, Spitzname Tiiceey, offenbar dazu überreden, nach Brüssel zu kommen, um den Vertrag zu unterzeichnen.

Als sie am Samstag einreisen wollten, wurden die beiden prompt verhaftet - bei den Dokumentarfilmern hatte es sich um verdeckte Ermittler gehandelt. Jetzt sitzen Afweyne und Tiiceey in der belgischen Stadt Brügge in Untersuchungshaft.

Ein offizieller Haftbefehl habe keine Erfolgsaussichten gehabt, erklärte Staatsanwalt Johan Delmulle am Montag. Um Afweyne als Drahtzieher vor Gericht zu bringen, hätten sich die Ermittler deshalb für eine verdeckte Aktion entschieden.

Der norwegische Piraterie- und Somalia-Experte Stig Jarle Hansen ist der Meinung, dass die Belgier mit Afweyne den bedeutendsten Piratenführer Somalias festgesetzt haben. "Afweyne ist der Erfinder des Piratengeschäfts, über ihn wird man wahrscheinlich noch in 100 Jahren sprechen." Er habe das System ab 2005 professionalisiert, sagt Hansen. Erst durch ihn seien die somalischen Piraten zu einer echten Bedrohung der kommerziellen Schifffahrt geworden.

Schlechte Zeiten für Piraten

Doch die Seeräuberei am Horn von Afrika lohnt sich immer weniger. Seit 2008 patrouillieren Schiffe der EU im Rahmen der Anti-Piraterie-Operation "Atalanta" vor der somalischen Küste, Frachter schützen sich inzwischen häufig mit Hilfe privater Sicherheitsdienste.

So ist es wohl kein Zufall, dass Afweyne Anfang 2013 seinen Rückzug aus dem Piratenbusiness erklärte. Er habe genug nach acht Jahren, zitierte ihn das Politikmagazin Jeune Afrique, und er wolle auch seine Kollegen dazu bringen, die kriminellen Aktivitäten sein zu lassen.

"Dieser Schritt zu diesem Zeitpunkt war verdächtig", meint Experte Hansen. "Afweyne wollte sich wahrscheinlich nur bedeckt halten, bis die Bedingungen für Piraten wieder besser werden." Denn, so sagt Hansen, die EU-Mission sei teuer. Die teilnehmenden Staaten werden sie nicht für immer finanzieren, und so könne der Moment kommen, in dem sich die Ex-Piraten zusammenfinden, um wieder ins Seeräubergeschäft einzusteigen.

Nicht nur in Belgien gesucht

Afweyne sei clever, sagt Hansen, er habe die internationale Gemeinschaft wirklich herausgefordert. Nicht nur Belgien habe nach ihm gesucht, auch Indien, China und die USA - ohne Erfolg, bis zu diesem Wochenende.

Warum also fällt ein kluger Pirat wie er auf den Film-Trick der belgischen Ermittler herein? "Vielleicht dachte er, dass die Amnestie, die ihm die somalische Regierung bei seinem Rückzug versprochen hat, auch international funktionieren würde", mutmaßt Hansen. "Außerdem ist Afweyne schon öfter gereist, einen Pass kann man sich in einem Land wie Somalia ganz leicht kaufen."

Womöglich aber, ergänzt der Piraterie-Experte, ist die Erklärung auch ganz einfach: "Vielleicht ist er schlicht eitel."

© Süddeutsche.de/joku/rus
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