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Große Koalition:Bündnis auf Verderb

Horst Seehofer und Angela Merkel

Was ist los mit der CSU und ihrem Chef Horst Seehofer (l.)? Das fragt sich wohl auch Kanzlerin Angela Merkel.

(Foto: dpa)

Deutschland könnte für die Flüchtlingspolitik eine funktionierende große Koalition gebrauchen - aber das ist im Moment unmöglich. Schuld ist die CSU und ihr Dauerfeuer gegen die Kanzlerin.

Kommentar von Heribert Prantl

Deutschland ist in einer Situation, in der es eine große Koalition gut brauchen könnte - zum großen Anpacken in der Flüchtlings- und Integrationspolitik. Das Dumme ist, dass man eine große Koalition nicht mehr bilden kann, weil es schon eine gibt. Nur: Man merkt das nicht, weil sich diese Koalition aufführt, als wolle sie der Opposition zeigen, wie Opposition funktioniert. Das liegt nicht an CDU und SPD, sondern an der CSU.

CDU und SPD gehen miteinander meist einigermaßen verträglich um, machen ordentliche Arbeit. Wären bei der schwarz-gelben Vorgängerkoalition auch nur halb so viele Früchte gereift: Die FDP wäre nie aus dem Bundestag geflogen. Wenn die schwarz-rote Koalition der Kanzlerin Merkel kein Bündnis auf Gedeih ist, sondern eines auf Verderb, dann liegt das an der CSU. Sie ist schuld daran, dass die große Koalition als große Destruktion wahrgenommen wird.

Besonders misslich ist das deswegen, weil die CSU für ein mehrheitsstarkes Bündnis eigentlich nicht notwendig wäre; es ginge auch ohne sie. Ohne CSU würde sich diese Regierung besser präsentieren können. Kurz: Nie war das Auftreten von CDU und CSU im Doppelpack, Union genannt, so problematisch. Daran ändern Koalitionsgipfel wie der vom Sonntag, bei der man Kurzzeit-Harmonie zeigt, nichts.

Den Kollateralschaden erleidet Angela Merkel

Das bayerische Dauerfeuer gegen die Kanzlerin hat viel mit den aktuellen Hinterfotzigkeiten der weiß-blauen Politik zu tun: Es geht nicht nur um den Wettlauf der CSU mit der AfD, sondern vor allem darum, wer nach Seehofer die CSU und Bayern regiert. Dieses Ringen wird nach dem beliebten christsozialen Dreiklang ausgetragen: Vital, brutal, sentimental - jetzt mit Betonung auf brutal. Den Kollateralschaden erleidet Angela Merkel, die von Seehofer und der CSU öffentlich in einer Weise attackiert wird, die sich Strauß mit Kohl auch nicht in den wildesten Zeiten erlaubt hat. Seehofer ist so zum Firmpaten der AfD geworden ("Merkel muss weg").

Was ist los mit der CSU? Nun, diese Partei funktioniert seit jeher wie eine Ziehharmonika. Dieses Instrument, das anderswo Akkordeon, in Bayern Quetschn genannt wird, besteht aus zwei Teilen - Diskant und Bass, die durch den Faltenbalg verbunden sind. Jede Bewegungsrichtung (Zug und Druck) ergibt einen anderen Ton. Das natürliche Hin und Her wird optimal genutzt; man erzeugt auf dem Rückweg bereits einen neuen Ton, sucht notgedrungen eine andere Harmonie. Lange Konstanten sind da nicht möglich. Die steirische Harmonika, wie sie in Bayern in Gebrauch ist, ist durch die Diatonik auf wenige Tonarten festgelegt; man muss sich daher mehr oder minder auf Stubnmusi beschränken. Um diese Beschränkung vergessen zu lassen, zieht und drückt die CSU seit jeher besonders wild. So erklärt sich CSU-Politik.

Aktuell kommt hinzu, dass erbittert gestritten wird: Wer zieht? Wer drückt? Wer betätigt die Knöpfe? An der Quetschn balgen sich die Spieler aus dem Seehofer- und dem Söder-Lager. Das Instrument wird malträtiert. So klingt es derzeit auch - wie ein Heimatluftkompressor.

© SZ vom 12.09.2016/fie
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