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Große islamische Pilgerfahrt:Wenn Allah ruft

Eine gigantische Aufgabe für den Staatsapparat: 30 Millionen Liter Wasser, 200.000 Polizisten, 4000 Busse. Wie Saudi-Arabien die Pilger während der Hadsch versorgt - und vor Terror schützt.

Tomas Avenarius

Der Koran sagt: "Rufe die Menschen auf zur Wallfahrt, dass sie kommen zu Fuß und auf dem schlanken Kamel." Und sie kommen. Allerdings nicht zu Fuß und schon gar nicht auf dem Kamel. Sondern mit Flugzeug, Fähre, Bus. Allein der König-Abdel-Aziz-Flughafen in Dschidda muss 1,5 Millionen zusätzliche Gäste abfertigen während des Hadsch, während der großen islamischen Pilgerfahrt. Und das in einer einzigen Woche.

Von Millionen Pilgern umrundet und geküsst: die Kaaba im Hof der Großen Moschee in Mekka.

(Foto: Foto: Reuters)

Ströme von Gläubigen, alle gehüllt in weiße Tücher, ziehen dann mit Tausenden Bussen von der Hafenstadt Dschidda weiter ins zwei Autostunden entfernte Heiligtum von Mekka. Sie wohnen in Fünf-Sterne-Hotels oder billigen Herbergen - je nach Geschmack und Geldbeutel. Sie bleiben mindestens fünf Tage, beten, halten vorgeschriebene Rituale ab. Für das saudische Königshaus, den "Hüter der zwei Heiligen Stätten", sollte der Hadsch eigentlich ein Albtraum sein. Rihab Massoud, Vize-Chef des saudischen Sicherheitsrats, formuliert lieber: "Für uns ist das eine Herausforderung."

Der Koran macht die Pilgerfahrt zur religiösen Lebenspflicht - für jeden der weltweit etwa 1,3 Milliarden Muslime. Weshalb Araber, Türken, Iraner, Kaukasier und Indonesier einmal in ihrem Leben nach Saudi-Arabien reisen (der islamische Mondkalender lässt das Datum wandern). Dazu Afghanen, Pakistaner, Tadschiken, Usbeken, Kaukasier. Afrikaner aus allen möglichen Staaten natürlich auch. Europäische und amerikanische Muslime ebenso. Insgesamt mindestens 1,8 Millionen Pilger sind 2009 in Mekka. Sie umrunden die Kaaba, beten am Arafat-Berg, steinigen symbolisch den Teufel, fahren nach dem Abschluss am Freitag vielleicht weiter nach Medina. Das Ganze ist weit mehr als ein religiöser Höhepunkt für eine Glaubensgemeinschaft: Während des Hadsch schließt sich die islamische Welt in Mekka kurz: politisch, kulturell, menschlich.

1,8 Millionen Menschen - das sind Männer und Frauen, Junge und Alte, Gesunde und Kranke, Akademiker und Analphabeten, Schiiten und Sunniten. Es ist ein Sprachengewirr wie beim Turmbau zu Babel: Der kleinere Teil der Muslime sind Araber. Viele sprechen Türkisch, Persisch, Paschtu oder irgendwelche kaukasische Kleinsprachen. Manche können nur Russisch, andere Englisch. So stellt der Hadsch Regierung und Staatsapparat vor eine gigantische Aufgabe. Büros verwaisen - fast alle Offiziellen sind mit der Pilgerfahrt beschäftigt, arbeiten in Mekka. Selbst König Abdullah verlässt die Wüstenhauptstadt Riad. Er regiert in der Hadsch-Zeit von einem Palast in der nahe Mekka liegenden Hafenstadt Dschidda aus.

Der Vize-Chef des Sicherheitsrats sagt: "Zwei Millionen Menschen in einer einzigen Stadt. Zum Vergleich der Andrang bei den Olympischen Spielen: Da kommen ein paar hunderttausend Leute, und die versorgen sich auch noch selbst." Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zogen jährlich nur zwischen 100,000 und 200,000 Gläubige nach Mekka - mit dem Kamel, der Hedschas-Bahn oder dem Dampfschiff. In den 1970er Jahren aber flogen bereits mehr als eine Million Menschen ein. Seit den Neunzigern bewegt sich die Zahl stets um die zwei Millionen. Tendenz steigend. Zusammen mit den Kurzzeit-Pilgern aus Saudi-Arabien können zeitweise bis zu drei Millionen Menschen in Mekka sein.

Chaos verhindern

Mindestens 200,000 Polizisten und Soldaten sollen diese Massen überwachen - genaue Zahlen werden nicht genannt. Dazu Ärzte, Sanitäter, Feuerwehr. Satelliten filmen das ausgedehnte Gelände des Haram, des heiligen Bezirks: die Große Moschee und die Kaaba, aber auch die einzelnen umliegenden Hügel und Hochplateaus, auf denen Gebete abgehalten werden müssen. 4000 Busse bringen die Pilger zwischen einzelnen Bezirken hin und her, um Chaos zu verhindern.

Dennoch kommt es zu Katastrophen, was dem Renommee der Saudis als Herrscher über Mekka und Medina abträglich ist. 343 Pilger starben zum Beispiel 1997 bei einem Großbrand in einem Zeltlager. 1994 kamen bei einer Massenpanik 270 Pilger um. 1990 endete der Hadsch für 1426 Menschen tödlich: Sie wurden in einem Tunnel auf dem Pilgerweg zertrampelt. General Mansur Sultan Al-Turki, Sprecher des saudischen Innenministers, sagt: "Das Wichtigste ist: Wir müssen die Menschen kontrollieren."

Weshalb die Regierung die Zahl der Visa für die Pilgerfahrt begrenzt, nicht zuletzt wegen der in diesem Jahr hinzugekommenen Ansteckungsgefahr durch die Schweinegrippe. Pro Staat darf nur einer von tausend Einwohnern teilnehmen. Trotz der Obergrenzen bleibt das Problem der Versorgung: In Mekka arbeiten zwei riesige Entsalzungsanlagen: Während des Hadsch müssen mehr als 130 Millionen Liter Wasser bereitgestellt werden: zum Trinken, für Klimaanlagen, Waschräume, Toiletten. Zwei Millionen Brotlaibe müssen jeden Tag bereitstehen. Und die Abwässer der Pilger müssen beseitigt werden. Vor allem aber ist der Hadsch ein Sicherheitsproblem. Seitdem 1979 saudische Terroristen die Große Moschee besetzten und ein Blutbad anrichteten, wissen die Saudis, dass selbst der Heilige Bezirk zum Ziel werden kann.

© SZ vom 25.11.2009

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