Großbritannien und die EU:Wer Cameron verstehen will, muss Obama lesen

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Großbritannien ist eine Insel. Und seine Insellage ist nach dem Brüsseler EU-Gipfel noch manifester. Premier Cameron hat ein anderes Leitbild als seine geographischen Nachbarn. Doch das wird sich ändern. Warum London seine Selbstisolation in Europa nicht durchhalten wird.

Stefan Kornelius

Geographisch betrachtet mag Großbritannien weiterhin dem europäischen Kontinent angehören, wirtschaftspolitisch aber haben sich mit dem Brüsseler Gipfel bedeutende tektonische Platten verschoben. Nein, Großbritannien ist weder isoliert noch marginalisiert. Es hat sich lediglich entschieden, dass es nicht länger die wirtschaftspolitischen Auffassungen mit seinen unmittelbaren Nachbarn teilt, sondern dass nun endgültig den amerikanischen Rezepten zur Krisenbewältigung folgt.

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Premier David Cameron: Am Ende wird er die angelsächsische Linie nicht durchhalten.

(Foto: REUTERS)

Wer Cameron verstehen will, muss Obama lesen. Der amerikanische Präsident hatte nicht etwa lobende Worte über die europäischen Gipfelbeschlüsse übrig, sondern stieß seine bislang düsterste Warnung aus: Die Vertragsänderungen mögen auf lange Sicht schön und gut sein, aber der Euro sei zum Sterben verurteilt, weil weder schnell noch überzeugend genug auf die Marktkräfte reagierte. Übersetzung: Zum Teufel mit den Schuldenbremsen und Sparauflagen. Her mit frischen Euros aus der Notenbank, her mit der Banklizenz für den Rettungsschirm.

Cameron rettet das britische Wirtschaftssystem

Das sind Freunde: Obama redet die Euro-Rettung Stunden nach dem Gipfel schlecht. Und der britische Premier verweigert seine Unterschrift, weil er vermeintlich ein paar popelige Zugeständnisse für die Finanzindustrie in der Londoner City rausschlagen möchte. Während die einen ihre Währung retten, rettet der andere die Boni seiner Wählerklientel - so wirkt es. Wer genauer hinschaut, der sieht: Cameron rettet nicht nur die City, er rettet das britische Wirtschaftssystem, das sich ungeniert der Bank of England bedient, um das Defizit in die Höhe zu schrauben.

Dieses System findet auf der anderen Seite des Atlantiks seine Entsprechung. In den USA wie auf der Insel hält sich die Meinung, dass die Misere schon überwunden werden könnte, wenn nur keiner zu genau auf das Staatsdefizit schaut. Also: Lasst die Verschuldung steigen, finanziert noch ein Staatsprogramm mehr, flutet die Wirtschaft mit Krediten.

Diese Lehre wird nun auf dem europäischen Festland nicht mehr geteilt. Das ist die eigentliche Botschaft des Brüsseler Gipfels. Deutschland hat der EU seine Vorstellungen von solider Haushaltsführung und Geldpolitik aufgezwungen. Wie lange die Briten und die USA ihren Kurs verfolgen können, wissen die Junkies von den Märkten genau: so lange, wie der frische Stoff nicht ausgeht. Aber die Zeichen stehen an der Wand. Vergangenen Sommer ist das amerikanische System beinahe kollabiert, als der Kongress die Schuldenobergrenze nicht anheben wollte. Und in Großbritannien sollte man besser nicht zu genau auf die Kerndaten schauen. Die Verschuldung hat italienisches Niveau.

Am Ende wird Cameron die angelsächsische Linie nicht durchhalten. So lange Großbritannien nicht aus der EU austritt, wird er immer wieder mit den Regeln des Binnenmarktes kollidieren. Und die werden jetzt ohne ihn geschrieben.

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