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Großbritannien:Sir Keir auf der Startrampe

Britain's Labour leader Keir Starmer

Labour-Chef Keir Starmer bleibt in seiner Parteitagsrede vage.

(Foto: Stefan Rousseau/AP)

Unter ihrem neuen Chef versucht die Labour-Partei aufzuholen. Laut Umfragen liegt sie sogar wieder gleichauf mit den Tories. Doch noch gilt es vor allem, verlorenes Vetrauen zurückzugewinnen.

Von Alexander Mühlauer, London

Da ist zum Beispiel Ruth Smeeth. Bis zur Parlamentswahl im Dezember vertrat die Labour-Politikerin den Wahlkreis Stoke-on-Trent North im Unterhaus. Doch dann wurde dort zum ersten Mal überhaupt ein konservativer Abgeordneter gewählt. Eine Schmach für Labour. Die britischen Sozialdemokraten kassierten landesweit die schwerste Wahlniederlage seit 1935. "Wir haben verloren, weil wir den Leuten nicht zugehört haben", sagt Smeeth. Sie steht an diesem Dienstagmorgen in der Danum Gallery, einem Museum im nordenglischen Doncaster, und hat die Aufgabe, ein paar einführende Worte zu sagen, bevor Keir Starmer seine Parteitagsrede per Video hält. Der Labour-Chef steht zwei Meter neben ihr an einem Rednerpult. Coronabedingt ist das nicht die große Bühne, und doch eine Startrampe.

Starmer, dunkelblauer Anzug, Seitenscheitel, hält sich also mit beiden Händen am Rednerpult fest und erklärt erst einmal, wofür er steht. Zeit seines Lebens habe er für Gerechtigkeit gekämpft, sagt Starmer, erst als Rechtsanwalt, dann als Staatsanwalt. Er sei der Erste in seiner Familie gewesen, der die Universität habe besuchen dürfen; und als er schließlich im Buckingham Palace zum Ritter geschlagen wurde, seien seine Eltern stolz auf ihn gewesen. Aus Keir wurde Sir Keir. Und der hat nun ein Ziel: Er will den konservativen Premierminister Boris Johnson ablösen. "A New Leadership" steht auf Starmers Rednerpult. Zunächst einmal ist das aber nicht mehr als eine Tatsachenbeschreibung: Starmer ist seit fünf Monaten Parteichef. Doch Vorschläge, was er konkret verändern will, ist er bislang schuldig geblieben.

Starmer greift den Premier persönlich an

Auch bei seinem Auftritt am Dienstag bleibt Starmer im Ungefähren. Noch ist er dabei, den früheren Labour-Wählern im einstmals roten Norden zuzuhören. "Wir haben noch viel zu tun, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen", sagt Starmer. Er wolle aber all jenen zurufen, die sich von Labour abgekehrt haben, egal ob in Glasgow oder Grimsby: "Wir hören Sie! Schauen Sie sich Labour mit einem neuen Blick an." Und weil Starmer bewusst sein dürfte, dass er mit seinem Pro-EU-Kurs von vielen linken Brexiteers als Vaterlandsverräter abgestempelt worden ist, gibt er sich ganz als Patriot: "Wir lieben dieses Land, so wie Sie es lieben."

Die Liebeserklärung an die Heimat ist der eine rote Faden, der sich durch Starmers Rede zieht. Der andere ist die Kritik an der Regierung. Der Premierminister sei inkompetent und nicht in der Lage, das Land zu führen, sagt der Labour-Chef. Er sei verärgert über die Fehler bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie und Johnsons leere Versprechen - so gebe es bis heute kein funktionierendes Test- und Rückverfolgungssystem. In der Krise habe sich gezeigt, dass Johnson schlicht keinen ernsthaften Charakter habe, sagt Starmer: Der Premier wünsche sich Probleme weg wie etwa die innerirische Grenze beim Brexit; und wenn es nicht so funktioniere, wie er sich das vorstelle, dann schlage er um sich und breche internationales Recht.

Dann greift Starmer den Premierminister persönlich an: "Während Johnson schnippische Kolumnen über krumme Bananen schrieb, verteidigte ich Opfer und verfolgte Terroristen. Während er von einer Zeitung entlassen wurde, weil er Zitate erfunden hatte, kämpfte ich für Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit." Sollte es Johnson nicht gelingen, ein Freihandelsabkommen mit der EU zu schließen, liege dies einzig und allein in seiner Verantwortung. Er könne dann niemand anderem die Schuld für das eigene Versagen zuschieben, sagt der Labour-Chef. Und fordert Johnson auf: "Machen Sie weiter, und machen Sie einen Deal."

Mit der Strategie, Johnsons Fehler in der Corona-Politik offenzulegen, ist Starmer bislang gut gefahren. Einer Meinungsumfrage zufolge liegt Labour nun erstmals seit der Wahl im Dezember gleichauf mit den Tories bei 40 Prozent. Doch diese Stärke verdankt Starmer vor allem Johnsons Schwäche. Und so gibt er bei seiner Parteitagsrede zumindest einen vagen Ausblick auf das, was er inhaltlich vorhat. Innerparteilich ist es vor allem der Kampf gegen Antisemitismus. Ansonsten wären da die ungleichen Bildungschancen im Land, die hohen Hauspreise und der Kontakt zu den einstmaligen Labour-Anhängern, die bei der letzten Wahl für die Tories gestimmt haben - in Grimsby, Stoke-on-Trent und anderswo.

© SZ vom 23.09.2020

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