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Großbritannien:Riskantes Desinteresse

Es kann sich rächen, dass die Briten des Themas Brexit müde sind.

Hunderte Stunden Parlamentsdebatte, Tausende Zeitungsseiten, Drohungen, Rücktritte, Parteispaltungen, Untergangsszenarien - der zweite Teil des Brexit-Dramas nach dem ersten Akt, dem Referendum von 2016, hat das Königreich schier überwältigt. Im Vergleich dazu ist der Vollzug nun eine Antiklimax: Abstimmung, ja bitte, danke. Raus. Boris Johnson versprach zum Schluss im Unterhaus nochmals eine "aufregende Zukunft", Details werden nach dem Brexit nachgereicht. Das müde Land müsste den Atem anhalten. Aber die Bevölkerung hat sich abgewandt. Wird schon gut gehen.

Tatsächlich wird der dritte Akt, die nächste Verhandlungsrunde mit der EU, kompliziert werden. Und weil schon die Details des Brexitgesetzes, mit dem Johnson ein halbes Dutzend Versprechen brach, niemanden mehr so recht interessierten, steht zu befürchten, dass die Übergangsphase von noch mehr Desinteresse geprägt sein wird. Verhandeln sollen die Fachleute. Wird schon gut gehen.

Die Briten wollen sich Wichtigerem zuwenden und wieder Termine beim Arzt erhalten, gut funktionierende Sozialdienste nutzen. All das hängt aber auch an maßvollen, klugen Verhandlungen mit der EU. Wenn die Wirtschaft leidet und kein Geld für eine strahlende Zukunft da ist, wird der Brexit plötzlich schuld sein. Dann ist es zu spät.

© SZ vom 24.01.2020
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