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Coronavirus in Großbritannien:Fußballstar bewegt Boris Johnson zur Umkehr

FILE PHOTO: Euro 2020 Qualifier - Group A - England v Bulgaria

Marcus Rashford, 22, im Dress der englischen Nationalmannschaft.

(Foto: Action Images via Reuters)

Nach einer Kampagne des Nationalstürmers Marcus Rashford weitet die britische Regierung ihr Ernährungsprogramm für arme Kinder über die Sommerferien aus. Johnsons Minister hatten das zuvor abgelehnt.

Von Thomas Humnmel

Boris Johnson hat in der Debatte um kostenlose Mahlzeiten für die ärmsten Kinder in Großbritannien eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Nur Stunden bevor die Oppositionspartei Labour im Parlament eine Abstimmung zu dem Thema herbeiführen wollte und eine parteiinterne Rebellion gegen Johnson drohte, kündigte ein Sprecher des Premierministers ein Hilfsprogramm über 120 Millionen Pfund namens "Covid Summer Food Fund" an. Damit sollen etwa 1,3 Millionen Kinder in Großbritannien über die sechswöchigen Sommerferien ihre tägliche Mahlzeit erhalten.

Das ist auch ein Erfolg für Marcus Rashford, Stürmer von Manchester United und der englischen Nationalmannschaft. Der 22-Jährige hatte die Regierung aufgefordert, in diesem Sommer der Corona-Pandemie die armen Familien im Land zu unterstützen. Rushford erklärte, dass seine eigene Familie auf die kostenlosen Schulmahlzeiten angewiesen war. Weil Schulen auch in Großbritannien wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind, erhalten Kinder in Haushalten mit niedrigem Einkommen bislang Lebensmittelpakete oder Gutscheine, dies geschah auch über die Osterferien hinweg. Minister der konservativen Regierung hatten aber mehrmals betont, dass diese Hilfe am Ende des eigentlichen Schuljahres auslaufen werde.

Rashford schrieb unter anderem einen öffentlichen Brief an die Abgeordneten im Londoner Unterhaus, den er mit seinen Millionen von Followern in den sozialen Netzwerken teilte. Er beschreibt darin, wie in seiner Kindheit das Gehalt seiner Mutter nicht ausreichte, um die ganze Familie zu versorgen. Weshalb er unter anderem auf Nachbarschaftshilfen und freie Schulmahlzeiten angewiesen gewesen sei. Rashford fragte die Politiker: "Können wir uns nicht alle darauf einigen, dass kein Kind hungrig ins Bett gehen sollte?" Mehrere Abgeordnete, auch von der konservativen Partei, stellten sich hinter Rashfords Forderungen. Der gesellschaftliche Druck stieg - bis die Regierung Johnson einknickte.

"Dies ist eine spezielle Maßnahme, um die besonderen Umstände der Pandemie widerzuspiegeln", sagte Johnsons Sprecher James Slack, als er am Dienstag die Kehrtwende des Premierministers ankündigte. "Es wird nicht über den Sommer hinausgehen." Slack sagte, dass die Zahlung von 15 Pfund pro Woche über Gutscheine für Supermärkte erfolgen werde.

Ruth Davidson, frühere Leiterin der konservativen Partei in Schottland, befürwortet die Ausdehnung des Hilfsprogramms über den Sommer. Davidson erklärte, dass Johnson, der wie sein leitender Berater Dominic Cummings an einer Elite-Privatschule unterrichtet wurde, nicht über die persönliche Erfahrung der Kinderarmut verfüge, um das Problem zu erkennen. Kostenlose und gesunde Schulmahlzeiten sind in der britischen Politik schon seit einigen Jahren umstritten. Die Konservativen wollten sie bereits 2017 abschaffen und durch ein kostenloses Frühstück ersetzen, ließen den Plan jedoch fallen, nachdem Johnsons Vorgängerin Theresa May ihre parlamentarische Mehrheit verloren hatte.

Als die Umkehr der Regierung am Dienstag publik wurde, triumphierte die oppositionelle Labour-Partei. "Dies ist eine weitere willkommene Kehrtwende von Boris Johnson. Der Gedanke, dass 1,3 Millionen Kinder diesen Sommer hungern würden, war unvorstellbar," erklärte Parteichef Keir Starmer auf Twitter. "Gut gemacht an Marcus Rashford und viele andere, die sich so eindringlich zu diesem Thema geäußert haben."

© SZ.de/ghe

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