Großbritannien nach der Wahl Big Ben schlägt für zwei Verlierer

Liberaldemokraten und Labour-Partei haben verloren - und könnten doch die größten Sieger der britischen Wahl werden.

Eine Analyse von Wolfgang Koydl, London

Am Ende wollten die Briten dann doch auf Nummer sicher gehen - und haben Unsicherheit gewählt.

Frustriert: Der Hoffnungsträger der LibDems, Nick Clegg mit seiner Frau Miriam Gonzalez Durantez.

(Foto: Foto: Reuters)

Labour - Tory, Tory - Labour: Zuverlässig wie der Glockenschlag von Big Ben schwang das politische Pendel in Großbritannien immer zwischen den beiden dominierenden Parteien hin und her. Dominierte die eine zu lange, dann löste die andere sie ab.

Doch diesmal ist das Pendel nicht weit genug ausgeschlagen. Es ist stecken geblieben in einer Grauzone, in der reichlich Platz ist für Spekulationen, für Absprachen, Deals und letztlich wohl auch Koalitionen. Der Normalfall, mithin, nach einer Parlamentswahl in Deutschland, Italien oder Belgien. Neuland aber für die Briten.

Wer hat die Wahl eigentlich gewonnen - dies war die Frage, welche die Kommentatoren und die Politiker in einer langen Wahlnacht am meisten verwirrte. Sicher scheint nur, dass Labour unter Premierminister Gordon Brown nach 13 langen Jahren im Amt in diesem Urnengang unterlag.

Zu Dutzenden verloren die Sozialdemokraten Sitze, die sie in den Glanzzeiten unter ihrem ehemaligen Führer und Regierungschef Tony Blair errungen hatten, an die Konservativen.

Die freilich können sich höchstens als moralische Gewinner sehen. Sie werden zwar die größte Fraktion im Unterhaus stellen, von einer eigenständigen Mehrheit freilich, die sie sich erhofft hatten, sind sie aller Voraussicht nach ziemlich weit entfernt. Sie werden die Unterstützung einer anderen Partei brauchen, und da ein Bündnis mit ihren nordirischen Alliierten wohl nicht reichen wird, können dies nur die Liberaldemokraten sein.

Diese aber sind die größten Verlierer dieser Wahl - und könnten gleichwohl als ihre größten Sieger aus ihr hervorgehen. Niederschmetternd für die Partei muss sein, dass die Begeisterung, die ihr dynamisch-jugendlicher Führer Nick Clegg ausgelöst hatte, sich nicht niedergeschlagen hat in mehr Sitzen.

In jedem Fall enttäuschend

Egal, ob sie ein paar Mandate verloren oder immerhin den Stand der letzten Wahl halten konnten, das Resultat muss in jedem Fall enttäuschend sein für eine politische Kraft, die zeitweise in Umfragen vor der Labour Party lag.

Dennoch könnte ihnen ihr Hauptziel gelingen: den eisernen Griff zu brechen, mit dem das Mehrheitswahlrecht sie auf Dauer von politischer Einflussnahme ausschloss und den beiden Großen ein Macht-Duopol einräumte. Ohne die Hilfe der LibDems kann nun keiner regieren, und Brown und seine Sozialdemokraten zögerten keinen Augenblick mit Avancen.

Ungefragt offerierten sie dem möglichen Partner alle Zugeständnisse, zu denen in erster Linie die Reform des Wahlsystems gehört. Klarheit freilich hat der Wähler dennoch nicht geschaffen. So wie es am Morgen nach der Wahl aussah, bringen Labour und LibDems keine Mehrheit zustande, selbst wenn sie von der Grünen Caroline Lucas unterstützt würden, die sensationell den ersten Parlamentssitz überhaupt für ihre Partei gewann.

Die Konservativen wiederum sind grundsätzlich gegen die Änderung des Wahlsystems, und Liberalenchef Clegg hat sich eigentlich vor der Wahl darauf festgelegt, dass er a) weder einem Wahlverlierer in den Sattel helfen und b) ganz bestimmt nicht mit Gordon Brown koalieren wolle.

Kampfbewusster Brown

Brown wiederum gab sich kampfbewusst und sprach von der Notwendigkeit einer stabilen Regierung in instabilen Zeiten. Sein größter Vorteil liegt darin, dass er Premierminister ist und dies so lange bleibt, wie er nicht zurücktritt. Er wird auf alle Fälle versuchen, wenn nicht sich selbst, so doch seiner Partei die Macht zu erhalten.

Waren die letzten vier Wochen des Wahlkampfes schon spannend, so dürften die kommenden Tage in Westminster noch aufregender werden. Viel Zeit haben die Politiker nicht, eine gangbare Regierung zu bilden, streng genommen nur über das Wochenende.

Denn dann wollen die Finanzmärkte Klarheit und sichere Verhältnisse haben - selbst wenn der Wähler nicht dafür gesorgt hat.

Großbritannien

Impressionen eines Wahlkrimis