Großbritannien nach den Ausschreitungen Mit der Macht der Vielen gegen den Mob

Sie solidarisieren sich mit Opfern, treffen sich zu Putzaktionen und unterstützen die Polizei: Nach den Krawallen setzen viele Briten ein Zeichen gegen die Randalierer. Dafür nutzt die Gegenbewegung die gleichen Werkzeuge, die für die Proteste verantwortlich gemacht werden - Facebook, Twitter, mobile Kommunikation.

Von Marie Zahout

Aaron Biber ist 89 Jahre alt. Seit 41 Jahren schneidet er den Menschen in Tottenham die Haare. Sein Friseursalon, mit den großen roten Buchstaben "Gentlemens Hairdressing" über dem Eingang, war sein Leben - bis die Randalierer und Plünderer kamen. Am Sonntagmorgen, nach der ersten Randalnacht in London, fand Biber seinen Laden völlig verwüstet vor. Die Fenster waren zerschlagen und die Haartrockner gestohlen. Biber ist nicht versichert und kann die Reparaturen nicht aus eigener Tasche finanzieren. Nun rettet ihn das Internet.

Vom Internet hatte Aaron Biber bisher keine Ahnung - doch ein Blog wurde jetzt zu seiner Rettung, nachdem Randalierer seinen Friseursalon zerstört hatten.

(Foto: Getty Images)

Auf dem Blog "Keep Aaron Cutting" verbreiteten drei Mitarbeiter einer Werbeagentur die Nachricht über Bibers Schicksal und warben um Spenden. Biber sagt, er habe nicht einmal gewusst, was das Internet ist - nun sind dort schon 35.000 Pfund (Stand: Sonntagmorgen) für ihn gespendet worden.

Viele Engländer wollen die Gewalt und die Plünderungen nicht länger hinnehmen. Die Briten solidarisieren sich mit den Opfern und setzen ein Zeichen gegen die Randalierer. Sie wollen klarmachen: Ihr seid eine winzige Minderheit. Dafür nutzt die Gegenbewegung die gleichen Werkzeuge, die für die Proteste verantwortlich gemacht werden. Facebook, Twitter, mobile Kommunikation.

Über Facebook und Twitter verabreden sich Aufräumtrupps. Dem Twitteraccount @riotcleanup folgen mehr als mehr als 84.000 Nutzer (Stand: Sonntagmorgen). Hier werden Ort und Zeit der Putzaktionen geteilt, unzählige Briten haben sich bereits getroffen, um ihre Straßen selbst in Ordnung zu bringen. Dutzende Gruppen formieren sich auf Facebook, um die Metropolitian Police in London zu unterstützen oder um schlicht die Gewalt und die Plünderer zu verdammen.

Zu den verärgerten Bürgern gehört auch Jamie Cowen. "Ich und unzählige Briten sind empört von dem, was in unserem Land passiert. Wir wollen etwas Gutes für Ashraf tun", sagte er der Daily Mail. Ashraf Haziq ist der junge Stundent aus Malaysia, dessen Schicksal Großbritanniens Premier David Cameron als Beispiel für die moralische Verwahrlosung seiner Nation anführte. Haziq wurde, nachdem er zusammengeschlagen und mit Kieferbruch am Boden lag, von einigen Jugendlichen auf die Beine geholfen - nur um ihn dann auszurauben.

Zusammen mit anderen hat Cowen die Website "Let's do something nice for Ashraf" eingerichtet. Die Spenden auf der Website sollen Haziqs Familie in Malaysia ermöglichen, ihren Sohn zu besuchen. Auch Firmen haben reagiert. Haziqs hat ein Fahrrad und eine PlayStation, Gegenstände die ihm gestohlen worden waren, von den Herstellern gespendet bekommen.

Der Dachverband für Jugendarbeit (National Council for Voluntary Youth Services) will ein Zeichen in Bildern setzen. Auf Facebook sollen Jugendliche zeigen, dass sie gegen die Krawalle sind und sich mit einem "Not in my name"-Schild ablichten. "Wir wollen positive Bilder zeigen, um ein Gegengewicht zu den negativen in den Schlagzeilen herzustellen", sagt Sprecherin Ross Baily.

Eine ähnliche Idee - nur etwas kreativer - hatte Sam Pepper mit seiner Plattform "Operation Cup of Tea": Jeder, der gegen die Krawalle ist und das auch zeigen möchte, fotografiert sich mit einer Tasse Tee in der Hand. Hunderte sind seinem Aufruf bereits gefolgt. Außerdem verkauft er eine eigene Teesorte auf der Website - die Einnahmen sollen zum Wiederaufbau verwendet werden.