Liz Truss hat die Wahl zur neuen Vorsitzenden der britischen Konservativen gewonnen und wird damit Boris Johnson als Premier des Vereinigten Königreichs ablösen. Die bisherige Außenministerin setzte sich bei einer Abstimmung unter den Parteimitgliedern mit 57 Prozent gegen den ehemaligen Schatzkanzler Rishi Sunak durch, der 43 Prozent der Stimmen erhielt. Nachdem dieses Ergebnis am Montag in London bekannt gegeben worden war, wird Königin Elizabeth II. Truss an diesem Dienstag auf Schloss Balmoral in Schottland zur Premierministerin ernennen.
Angesichts der Energiekrise kündigte Truss schnelle Hilfen für die Bürgerinnen und Bürger an. In einer ersten kurzen Rede nach ihrer Wahl versprach sie, sich um die massiv steigenden Strom- und Gasrechnungen zu kümmern. Sie werde sich zudem der Probleme bei der Energieversorgung annehmen, das Gesundheitssystem stärken und das liefern, was sie den Parteimitgliedern versprochen habe: Steuersenkungen. "Ich habe als Konservative Wahlkampf gemacht, und ich werde als Konservative regieren", sagte Truss.
Die designierte Premierministerin zeigte sich davon überzeugt, dass die Tories mit ihr an der Spitze die nächste Parlamentswahl im Jahr 2024 gewinnen. "Wir werden liefern, wir werden liefern, wir werden liefern", sagte sie. Truss bedankte sich ausdrücklich bei ihrem Vorgänger Johnson. Dieser habe den Brexit erledigt, für die schnelle Einführung des Corona-Impfstoffs gesorgt und sich gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gestellt. Johnson rief die Tories wiederum dazu auf, Truss zu unterstützen. "Jetzt ist es an der Zeit, dass alle Konservativen zu 100 Prozent hinter ihr stehen", twitterte der scheidende Premierminister.
Von der Opposition kam deutliche Kritik. Labour-Chef Keir Starmer sagte, dass man von Truss weitaus mehr über Steuererleichterungen für Unternehmen gehört habe als von Entlastungen für Privathaushalte. Dies zeige, dass Truss nicht nur abgehoben sei, sondern auch nicht auf der Seite der arbeitenden Bevölkerung stehe. Der Chef der Liberaldemokraten, Ed Davey, forderte umgehend Neuwahlen, denn von Truss sei lediglich mehr von dem Chaos im Stil von Johnson zu erwarten. Weitaus versöhnlicher meldete sich die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon zu Wort. "Unsere politischen Differenzen sind groß, aber ich werde mich um ein gutes Arbeitsverhältnis mit ihr bemühen", schrieb die Chefin der Schottischen Nationalpartei (SNP).
Aus der Europäischen Union kamen weitgehend freundliche Glückwünsche, allerdings auch eine Mahnung. So erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen via Twitter: "Ich freue mich auf eine konstruktive Beziehung." Darauf folgte die Ergänzung: "Unter voller Einhaltung unserer Vereinbarungen." Bundeskanzler Olaf Scholz gratulierte Truss zu ihrer "neuen Aufgabe". Das Vereinigte Königreich und Deutschland würden "weiterhin eng kooperieren - als Verbündete und Freunde".
