Großbritannien:Klick! Skandal!

David Cameron

Cameron macht es richtig - die wichtigen Papiere stecken in einem Ordner. Da hat Steve Back keine Chance.

(Foto: AP)
  • Enthüllungen per Zufall: Der Fotograf Steve Back deckt Skandale auf, indem er unverdeckte Unterlagen im Vorbeigehen ablichtet.
  • Trotz Warnungen des Fotografen gehen ihm wiederholt Politiker und Behördenchefs vor dem Sitz des britischen Premiers in die Falle.

Von Julia Ley

Gängige Vorstellung davon, wie große Skandale aufgedeckt werden: Mutige Whistleblower - Menschen wie Edward Snowden - sammeln über Monate hochsensible Informationen und kontaktieren dann verdiente Journalisten über verschlüsselte Kanäle. Sie setzen ihre Freiheit aufs Spiel, ihr Vermögen, manchmal sogar ihr Leben, um der unwissenden Allgemeinheit einen Dienst zu erweisen. So kann das ablaufen. Muss es aber nicht.

Manchmal passieren Leaks ganz nebenbei - so wie in London, wo der Fotograf Steve Back sozusagen im Vorbeigehen Skandale aufdeckt. Back musste kürzlich nur draufhalten, als ein britischer Beamter vor Downing Street 10 aus dem Auto stieg und eilig in den Regierungssitz des Premiers lief. In seiner Hand: ein Stapel geheimer Papiere - unverdeckt. Die Überschrift des Dokuments ist auf dem Foto sogar mit bloßem Auge zu erkennen: "Bewertung der verschiedenen Reformoptionen für die Channel Four News Corporation".

Peinliche Enthüllungen - per Zufall

Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich Brisantes: Anscheinend denkt die britische Regierung wieder einmal über eine Privatisierung des Senders nach. Ein ähnlicher Vorstoß war im Frühjahr vergangenen Jahres vom liberaldemokratischen Koalitionspartner abgeblockt worden. Und erst im August dieses Jahres hatte Kulturminister John Whittingdale dem Guardian gesagt, eine Privatisierung sei derzeit nicht im Gespräch. Das nun zumindest in Teilen öffentlich gewordene Dokument straft diese Aussage allem Anschein nach Lügen.

Besonders pikant ist dabei, dass es sich keineswegs um Backs ersten Enthüllungserfolg handelt. Schon seit 2008 macht der Fotograf wiederholt Schlagzeilen damit, dass er sensible Dokumente fotografiert, die Politiker offen herumtragen. Zu seinen bisherigen Opfern zählten der Anti-Terrorismus-Chef der Londoner Polizei Scotland Yard, Bob Quick, die frühere Ministerin für Wohnungsbau, Caroline Flint, und der führende Labour-Politiker Lord Peter Mandelson.

Im Falle der Scotland-Yard-Kommandeurs beispielsweise hatte das weitreichende Konsequenzen. Das geleakte Papier enthielt hochsensible Informationen über eine geplante Polizeioperation gegen eine mutmaßliche Al-Qaida-Zelle. Als das Foto öffentlich wurde, untersagte die Regierung den Medien vorübergehend jede Verbreitung und führte in größter Eile mehrere Razzien in Nord-England durch.

"Sagt ihnen um Himmels willen, dass sie ihre Papiere bedecken sollen"

Steve Backs Methode ist so unspektakulär wie effektiv. Er wartet vor Downing Street 10, bis ein wichtiger Mensch mit ebenso wichtigen Papieren an ihm vorbeiläuft. Klick - schon ist alles dokumentiert und dank moderner Technologie meistens auch gut zu entziffern.

Dabei versucht der 55-Jährige nicht einmal, sein Tun zu verheimlichen. Im Interview mit dem britischen Independent sagte er 2010: "Es ist wirklich erstaunlich. Diese Leute laufen in der Öffentlichkeit mit Papieren herum, die wichtige Informationen enthalten. Sie wissen, dass ein Fotograf vor 10 Downing Street herumhängt und verdecken sie nicht. Ich habe die Pressestelle des Premiers schon ein Dutzend Mal darauf hingewiesen: 'Sagt ihnen um Himmels willen, dass sie ihre Papiere bedecken sollen.'"

Es scheint, als würde sich keiner um diese Warnungen scheren. Dabei könnte es so einfach sein. Statt Millionen in aufwendige Spionage-Abwehr-Programme zu investieren, müssten britische Abgeordnete zunächst einmal nur eine einfache Regel beherzigen: Packt eure wichtigen Dokumente in eine Mappe. Beim britischen Schreibwarenhersteller Ryman kostet die umgerechnet nicht einmal 15 Euro - im Zwanziger-Pack.

© SZ.de/anri/sebi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB