Um den britischen Premier Boris Johnson wird es zunehmend einsamer. Einem Bericht zufolge soll am Freitagvormittag bereits eine fünfte enge Mitarbeiterin Johnsons ihren Rückzug bekanntgegeben haben: die Beraterin Elena Narozanski, zuständig für Frauenpolitik, Kulturpolitik und Extremismus. Das berichtete der gut vernetzte konservative Blog "Conservative Home". Erst am Donnerstag waren binnen weniger Stunden vier Führungskräfte aus Johnsons Team zurückgetreten: Stabschef Dan Rosenfield, Privatsekretär Martin Reynolds, Kommunikationschef Jack Doyle und Chef-Politikberaterin Munira Mirza.
Mirza, die 14 Jahre lang für Johnson gearbeitet hat, hielt ihm vor, sich nicht für umstrittene Äußerungen über den Chef der oppositionellen Labour-Partei, Keir Starmer, entschuldigt zu haben. Die Beweggründe der Männer wurden nicht bekannt.
Aus konservativen Kreisen verlautete, drei Mitglieder des Johnsons-Teams stünden in direkter Verbindung mit den weithin kritisierten Lockdown-Partys. Ihr Rückzug deute auf den Versuch eines Neustarts hin. Als Erste hatte Chefberaterin Mirza am Donnerstag Johnson den Rücken gekehrt.
Johnson wegen falscher Anschuldigungen an Starmer in der Kritik
Der Regierungschef hatte Starmer am Montag in einer hitzigen Parlamentsdebatte vorgeworfen, es in seiner Zeit als Chef der Staatsanwaltschaft versäumt zu haben, den bekannten, inzwischen verstorbenen Rundfunk-Moderator Jimmy Savile wegen sexuellen Missbrauchs in Hunderten Fällen anzuklagen. Starmer war in seiner Funktion aber nicht dafür zuständig, auch wenn diese Behauptung in den sozialen Medien kursiert. Johnsons Wiederholung entsprechender falscher Darstellungen rief Kritik auch in den eigenen Reihen hervor.
Mirza sagte laut dem Magazin The Spectator, die Anschuldigung sei unfair und entbehre jeder Grundlage. Sie hoffe, Johnson könne sich doch noch zu einer Entschuldigung durchringen. Johnson hatte erklärt, er habe Starmer nicht persönlich angehen wollen. Eine Entschuldigung lieferte er aber nicht.
Im Rundfunk sagte Johnson, er bedauere den Rücktritt seiner Mitarbeiterin. Mit ihrer Einschätzung, dass seine Äußerungen unangemessen gewesen seien, stimme er aber nicht überein. Auch Finanzminister Rishi Sunak kritisierte den Premierminister für dessen Angriff auf den Oppositionspolitiker. Auf die Frage, ob Johnson sich hätte entschuldigen sollen, sagte Sunak: "Um ehrlich zu sein, ich hätte das nicht gesagt, und ich bin froh, dass der Premierminister seine Äußerungen klargestellt hat." Sunak gilt als Favorit für den Posten des Premierministers, sollte Johnson zurücktreten müssen.
Der Premier will das Management seiner Regierung verbessern
Laut der Daily Mail soll Kommunikationschef Doyle seine Demission bereits länger geplant haben. Einen Zusammenhang mit dem Rücktritt Mirzas gebe es nicht, so das Blatt. Ein Sprecher Johnsons bestätigte, dass Doyle nicht mehr Teil der Regierungsmannschaft sei. Das Büro des Premierministers erklärte zudem, Johnson habe die Rücktrittsgesuche von Stabschef Rosenfield und Privatsekretär Reynolds angenommen. Beide würden aber vorerst auf ihren Posten bleiben.
Johnson hat angekündigt, das Management seiner Regierung zu verbessern, nachdem die Spitzenbeamtin Sue Gray einen Zwischenbericht zu den Lockdown-Partys veröffentlicht hatte. Sie attestierte der Regierung schweres Führungsversagen und ein mangelndes Urteilsvermögen. Einige der Zusammenkünfte in der Downing Street hätten nicht stattfinden dürfen, andere seien aus dem Ruder gelaufen. Johnson hatte sich daraufhin entschuldigt, Rücktrittsforderungen der Opposition jedoch zurückgewiesen.


