Großbritannien Johnson & Co.

Wer macht das Rennen um den Vorsitz der Tories? Die Buchmacher haben in Ex-Außenminister Boris Johnson ihren Favoriten ausgemacht, auch wenn dieser als sprunghaft, eitel und wenig detailverliebt gilt. Dafür hat Johnson Charme und kommt bei der Parteibasis gut an.

(Foto: Niklas Halle'n/afp)

Ex-Außenminister Johnson gilt als aussichtsreichster Kandidat für Mays Nachfolge. Doch es steigt die Zahl seiner Konkurrenten - alle Brexit-Befürworter. Minister warnen vor einem Wettbewerb in Radikalität.

Von Cathrin Kahlweit, London

Boris Johnson also? Läuft alles unvermeidlich auf den ehemaligen Außenminister des Königreichs zu? In der Tory-Fraktion gilt angesichts vieler schlechter Erfahrungen mit dem ehemaligen Kabinettsmitglied die Devise: "Jeder, nur nicht Boris", doch der Londoner Ex-Bürgermeister ist eminent populär an der Basis der Partei und ebenso bei den Wählern im Land.

Nicht einmal drei Tage, nachdem Premierministerin Theresa May am Freitagmorgen ihren Rücktritt in Raten erklärt hatte, haben bereits acht Bewerber um die Nachfolge offiziell ihre Kandidatur angemeldet, und Johnson gilt als der Mann mit den besten Chancen. Auch die Wettbüros setzen auf ihn. Johnson, bekannt für seine Sprunghaftigkeit, Eitelkeit und seine mangelnde Lust auf Sacharbeit, aber auch für seinen Charme und seine rhetorischen Fähigkeiten, könne sich - angesichts seiner Popularität - nach jetzigem Ermessen nur noch selbst aus dem Rennen kegeln, wenn er gravierende Fehler mache, schreiben Kommentatoren in den britischen Medien. Denn 77 Prozent der Parteimitglieder fänden nach einer Umfrage des Instituts YouGov, er sei sympathisch, 70 Prozent glaubten, er könne Wahlen gewinnen, 60 Prozent sähen in ihm einen "kompetenten Parteichef". Boris Johnson also?

Wenn es so eindeutig wäre, hätten sich sicher nicht noch zwei Frauen und fünf weitere Männer in das Rennen begeben. Dominic Raab, im vergangenen Sommer zurückgetretener Brexit-Minister, war der erste gewesen; er hatte bereits vor Wochen in einer viel belächelten Homestory in einem Boulevardblatt angedeutet, er halte sich für geeignet. Er bringe den Optimismus und den Elan mit, den das Land brauche.

Michael Gove, amtierender Umweltminister, verweist auf seine Kraft, die Partei zu einigen, und auf seine Erfolge und Erfahrung in zahlreichen Ministerämtern. Andrea Leadsom, die nur einen Tag vor Mays Ankündigung von ihrem Amt als Parlamentsministerin zurückgetreten war, findet, sie habe gute Ideen und wisse, was getan werden müsse, um das Land zusammenzubringen. Esther McVey, ehemalige Arbeitsministerin und glühende May-Gegnerin, will die Entwicklungshilfe kürzen, um damit im eigenen Land zu investieren. Matt Hancock, Gesundheitsminister, ist moderat und gut vernetzt in den sozialen Medien. Außenminister Jeremy Hunt gilt bei den Parteimitgliedern als kompetent und erfahren, war aber lange Remainer, bevor er sich zum Brexit bekannte. Und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart, Ex-Diplomat und Afghanistan-Experte, gilt als sympathisch, wenn auch zu unbekannt; auch er war Remainer, sagt jetzt aber, der Brexit sei eine Verpflichtung. Er droht immerhin, das Kabinett zu verlassen, wenn Johnson Premier werde.

Vorerst sind das alle Bewerber; weitere Meldungen werden aber stündlich erwartet. Die Statuten sehen nun vor, dass sie alle in der Fraktion gegeneinander antreten. Zum Schluss werden die zwei Kandidaten mit der größten Unterstützung den Mitgliedern vorgeschlagen, die dann mit einfacher Mehrheit den künftigen Tory-Chef und Premierminister - oder ihre Chefin und Premierministerin - küren dürfen.

Finanzminister Hammond kritisiert, dass viele Brexiteers nicht wüssten, wie Brüssel tickt

Eminent wichtig wird dabei die Position sein, welche die Kandidaten zum Brexit einnehmen. Die Mehrheit der Parteimitglieder soll laut Umfragen bereit sein, einen vertragslosen Austritt aus der EU eher in Kauf zu nehmen als eine weitere Verlängerung des Status Quo über den 31. Oktober hinaus. Johnson, Raab, McVey, mutmaßlich auch Leadsom befürworten einen harten Brexit, falls sich die EU nicht auf weitere Kompromisse einlässt. Hunt warnt ebenfalls, er sei für No Deal, wenn sich die EU weiter als so "arrogant" erweise. Hancock will den Brexit liefern, sagt aber nicht, welche Kompromisse er dafür eingehen würde, was auch für Stewart gilt, der immerhin explizit vor No Deal warnt. Ein Remainer hat sich also bisher nicht als Nachfolgekandidatin geoutet - mutmaßlich, weil die Siegeschancen für Brexit-Gegner auch äußerst gering wären.

Warnende Stimmen kommen von Ministern, die eine Kandidatur ausgeschlossen haben. Finanzminister Philip Hammond etwa befürchtet einen Überbietungswettbewerb in Radikalität, den Johnson ("wir gehen zum 31. Oktober mit oder ohne Deal") und Raab ("wenn die EU ihre Position nicht ändert, treten wir zu WTO-Bedingungen aus") bereits ausgerufen haben.

Hammond sagte am Sonntagmorgen in der BBC, ein künftiger Premier, der No Deal verfolge, werde nicht lange im Amt bleiben. Verhandlungen mit Brüssel vor dem 31. Oktober hätten nurmehr "Feigenblatt-Charakter", und viele Brexiteers hätten bis heute nicht verstanden, wie Brüssel tickt. Sie glaubten immer noch, die EU stimme einem Deal zu ihren Bedingungen zu. In den vergangenen Monaten, so der Minister, habe sich zudem erwiesen, dass das Londoner Parlament einen harten Brexit mehrheitlich ablehne; ein Misstrauensvotum im Unterhaus könne die Folge sein. Hammond schloss nicht aus, dass er in einem solchen Fall gegen die eigene Partei stimmen werde.