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Harry und Meghan:Der Rückzug verschärft die Krise von Krone und Land

Die britische Königin ist Symbol für Einheit und Gemeinsamkeit des Vereinigten Königreichs. Doch in der letzten Phase ihrer Regentschaft wird Elizabeth II. von einer Frage überwältigt, die die Monarchie stets ins Wanken brachte.

Kommentar von Stefan Kornelius

Historisch betrachtet ist es faszinierend zu sehen, wie sich im britischen Königshaus die immer gleichen Lebensmotive seit Generationen wiederholen: Macht und Ohnmacht der Familienmitglieder, die Spannung zwischen öffentlicher Pflicht und privatem (Un-)Glück, Haupt- und Nebenrolle in der Hierarchie des Hauses und schließlich der Umgang mit einer Öffentlichkeit, die eine Scheinwelt in die Monarchie hineinprojiziert. All das reicht aus, um selbst einen von Babyzeiten an geprägten und gestählten Charakter aus dem Gleichgewicht zu bringen und zu einer Entscheidung zu treiben, wie sie nun Prinz Harry und Herzogin Meghan getroffen haben: raus aus dem Wahnsinn, Abstand, Eigenständigkeit. Allerdings: Selbst mit einer Flucht über den Atlantik entkommt die Familie Sussex nicht der Falle, in die zumindest Harry qua Geburt gesteckt wurde. Die konstitutionelle Monarchie ist eine Staatsform, die Herrscherfamilie ist im wahrsten Wortsinn staatstragend, und die Funktion lässt sich nicht so einfach von der Person trennen und ablegen wie einen Mantel. Großbritannien geht durch die schwerste politische Phase seines jüngeren Daseins. Der Brexit und die Polarisierung haben das Land in hohe Spannung versetzt. Der Brexit hat sezessionistische Wünsche befördert, die nur wenige Jahre nach dem Schottland-Referendum zu einer neuerlichen Gefahr für den Zusammenhalt des Landes werden können. Nein, der Brexit ist noch lange nicht vorüber - er fängt gerade erst an.

Die Staatskrise ist wahrhaft umfassend

In dieser Phase ist die Königin keine nette ältere Dame mit Handtasche, sondern - nicht nur in monarchistischen Kreisen - Symbol für Einheit und Geschlossenheit des Vereinigten Königreichs. In einem Land, in dem sich nur noch wenige Bürger auf ein gemeinsames politisches Fundament einigen können und wo sich die Politik entwertet hat, ist diese Symbolfunktion von höchstem, womöglich letztentscheidendem Wert.

Königin Elizabeth II. aber ist alt geworden, sie hat die Monarchie als Staatsform durch viele Krisen geführt und durch ihre Beharrlichkeit stets am Leben erhalten. Jetzt steht dem Land die größte Zäsur bevor: die Übergabe des Throns. Dabei haben es die Krone - die Familie und der Hofapparat -, aber vor allem auch der Premierminister als politischer Generalbevollmächtigter dieses Verfassungskonstrukts versäumt, die Monarchie in ein modernes Gewand zu kleiden. Elizabeth II. wird in der letzten Phase ihrer Regentschaft von jener Frage überwältigt, welche die Monarchie stets ins Wanken brachte: Wie begründe und organisiere ich ein System, das seinen Machthaber per Geburtsglück bestimmt? Wie stelle ich sicher, dass die Last des Amtes und der Verfassungskonstruktion seinen Amtsinhaber nicht erdrückt - oder umgekehrt vom unglücklichen Erben zerstört wird (selbst wenn der nur an sechster Stelle der Thronfolge wartet)?

Und vor allem: Wie halte ich ein monarchisches System in einer zunehmend säkularen und individualistischen Welt am Leben - einer Welt, die ironischerweise nach den Symbolen und Figuren der Monarchie lechzt?

Harry und Meghans Entscheidung verdient alle private Sympathie, aber sie kann nicht davon ablenken, dass die Monarchie auf viel größere Entscheidungen wartet. Die britische Staatskrise ist nun wahrhaft umfassend.

© SZ vom 10.01.2020/saul
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