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London:So rüstet sich Großbritannien gegen Terroranschläge

Ein erneuter Anschlag auf britischem Boden sei "hochwahrscheinlich", glauben die Behörden. Ob das in London simulierte Szenario allerdings realistisch ist, weiß niemand.

(Foto: Ben Stansall/AFP)

Scotland Yard richtet eine Einheit ein, die darin ausgebildet ist, auf Köpfe zu schießen.

Von Christian Zaschke, London

Vor der U-Bahn-Station Aldwych mitten im Londoner Zentrum lag am Dienstag eine offenbar verletzte Frau und schrie. Ein Polizist kümmerte sich um sie, so gut es ging. Aus dem Inneren der seit gut zwanzig Jahren geschlossenen Station waren Rufe zu hören, ein bewaffneter Polizist trat auf die Straße und prüfte die Lage.

Dass die Situation nicht wirklich bedrohlich war, ließ sich daran erkennen, dass die Szenerie von allerlei Kameras gefilmt wurde. Dennoch war es kein harmloser Dreh für einen Film, wie man ihn in London täglich sieht. Die Szene war Teil der größten Anti-Terror-Übung, die es bisher in der britischen Hauptstadt gegeben hat.

An der Übung sind am Dienstag und am Mittwoch 1000 Polizisten beteiligt. Feuerwehr, Rettungsdienste und Militär nehmen ebenfalls teil. Am Dienstagnachmittag tagte sogar das Notfallkomitee Cobra, in dem Mitglieder der Regierung mit Vertretern der Sicherheitsdienste zusammenkommen. Die Übung trägt den Codenamen "Strong Tower". Simuliert wird an den beiden Tagen ein Attentat mit Schusswaffen von einem oder mehreren Tätern. Auch von der Öffentlichkeit wird die Übung mit besonderem Interesse betrachtet, da sie nur wenige Tage nach dem Anschlag von Tunesien stattfindet, bei dem 39 Menschen ums Leben kamen, unter ihnen 30 Briten. Ein direkter Zusammenhang besteht allerdings nicht. Scotland Yard hat die Planungen für die Übung bereits im Januar aufgenommen. Die Polizei orientierte sich dabei an dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris und einem Anschlag auf ein Café in Sydney.

Nach dem Anschlag in Tunesien sprach Premier Cameron von einer "Kriegserklärung" des IS

Lediglich ein knappes Dutzend Planer kennt den genauen Ablauf der Übung. Die Einsatzkräfte sollen nicht wissen, was auf sie zukommt, und unter schwerst möglichen Bedingungen getestet werden. Laut Scotland Yard gibt es keine spezifischen Hinweise darauf, dass ein konkretes Attentat geplant sei, wie es nun simuliert werde. Allerdings ist die Gefahrenstufe in Großbritannien bereits im August vergangenen Jahres auf "akut" heraufgesetzt worden, die zweithöchste Stufe. Das bedeutet, dass ein Terroranschlag auf britischem Boden nach Ansicht der Behörden "hochwahrscheinlich" ist. Die letzte große Anti-Terror-Übung in London fand 2012 vor den Olympischen Spielen statt. Damals wurde ein Angriff auf die Londoner U-Bahn simuliert, bei dem auch chemische Waffen zum Einsatz kommen.

Premierminister David Cameron hatte am Montag als Reaktion auf den Anschlag in Tunesien gesagt, die Terrormiliz Islamischer Staat habe Großbritannien "den Krieg erklärt". Man werde eine "umfassende Antwort" geben. Dazu gehört unter anderem, dass es bei Scotland Yard künftig eine Anti-Terror-Einheit geben wird. Sie besteht aus 130 Beamten, die an der Seite von Spezialeinheiten der Armee ausgebildet wurden. Die Einheit ist mit neusten Waffen ausgestattet und trainiert unter anderem, sich aus Hubschraubern abzuseilen und Gebäude zu stürmen, um Geiseln zu befreien. Das Gros der britischen Polizei ist unbewaffnet. Auch die neue Anti-Terror-Einheit würde laut Scotland Yard zunächst versuchen, Verdächtige ohne den Einsatz von Schusswaffen festzunehmen. Sie wäre aber auch darauf vorbereitet zu töten. Die Angehörigen der Einheit sind darin ausgebildet, auf den Kopf zu schießen.

Die Regierung will nicht mehr nur gewalttätige Gruppen verbieten - sondern auch gefährliche Ideen

Seit diesem Mittwoch ist zudem gesetzlich verankert, dass Kommunen, Bildungseinrichtungen, Gefängnisse und auch der Nationale Gesundheitsdienst dabei helfen sollen, die Ausbreitung von Extremismus zu verhindern. Universitäten werden explizit dazu aufgefordert zu verhindern, dass Studenten "vom Terrorismus angezogen" werden, zugleich soll es aber keine Einschränkung der Freiheit der akademischen Lehre geben. In Gefängnissen sollen Anti-Extremismus-Beamte eingesetzt werden. Die Kommunen sollen stärkere Anreize für Einwanderer setzen, Englisch zu lernen. Die Förderung von kommunalen Übersetzungsdiensten wird stark zurückgefahren. Außerdem sollen "britische Werte" positiv beworben werden.

Bereits im März hatte Innenministerin Theresa May ihre neue Anti-Extremismus-Strategie vorgestellt. Diese sieht unter anderem vor, dass künftig nicht nur wie bisher gewalttätige Gruppen verboten werden sollen, sondern auch solche, deren Ideen zu Terrorismus führen könnten. Die Pläne Mays sind unter den Konservativen umstritten, auch, weil es oft Auslegungssache ist, welche Ansichten zur Radikalisierung beitragen können.

Nach dem Anschlag in Tunesien hat Premier Cameron jedoch signalisiert, dass Mays Vorschläge Teil seiner "umfassenden Antwort" auf die Bedrohung durch islamistische Terroristen sein könnten. "Wir müssen einen Umgang mit dem verabscheuungswürdigen radikalen Narrativ finden, das in die Köpfe der jungen Menschen in diesem Land eindringt", sagte Cameron. Besonders umstritten ist Mays Vorhaben, TV-Sendungen künftig vor der Ausstrahlung auf extremistische Inhalte überprüfen zu lassen.

© SZ vom 01.07.2015

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