Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Blairs beißende Kritik an Brown

Eine Indiskretion heizt die Führungskrise in Großbritannien weiter an: Mit beißender Kritik hat Ex-Premier Blair Position gegen seinen Nachfolger bezogen.

Die Zeitung Mail on Sunday veröffentlichte am Sonntag ein Papier des langjährigen Regierungschefs, in dem schon vor einem Jahr von Lernunfähigkeit Browns und einer beklagenswerten Konfusion in Strategie und Taktik die Rede sei. Schlechte Entscheidungen Browns ließen den konservativen Oppositionsführer David Cameron nun als starke Alternative zur Labour-Partei erscheinen, hieß es darin.

Das wirkliche Problem liege nicht in der Brillanz der Konservativen, sondern in der inhaltlichen Leere der Labour-Partei, kritisierte Tony Blair. Das lasse die Tories gewichtig und als Vertreter der Zukunft erscheinen. Blair soll die Notiz nach der Entscheidung Browns im vorigen Jahr verfasst haben, auf Neuwahlen zu verzichten. Eine Abstimmung kurz nach seinem Amtsantritt 2007 hätte Browns Position möglicherweise konsolidiert und Labour den vierten Wahlsieg in Folge eingetragen.

Seit Browns Amtsantritt hat die Labour-Partei mehrere Wahlen verloren und ist in der Wählergunst abgestürzt. In Umfragen liegt sie derzeit 20 Prozentpunkte hinter den Konservativen. Die Zustimmung zu Brown beträgt nur noch 15 Prozent. In der Partei wird deshalb zunehmend über Alternativen zu Brown diskutiert. In dieser Woche machte sich Browns Rivale, Außenminister David Miliband, für einen radikalen Kurswechsel der Partei stark.

Nach Einschätzung der Labour nahestehenden Sonntagszeitung The Observer droht durch das Blair-Memo in der Regierungspartei "ein offener Krieg" zwischen Verbündeten und Gegnern des Premierministers. Mit der Veröffentlichung gerate der politisch angeschlagene Premierminister, der in seiner Partei für drei Nachwahl-Niederlagen von Labour in Folge verantwortlich gemacht wird, noch stärker unter Druck, hieß es in Kommentaren.

Unterstützung bekam der Premier am Sonntag von drei Kabinettsmitgliedern, die zum Brown-Lager gerechnet werden. Schatzkanzler Alistair Darling, die Labour-Fraktionschefin Harriet Harman und Bildungsminister John Denham erklärten, Brown sei der richtige Mann, die Partei zu führen. Nach unbestätigten Berichten bereitet Brown derzeit in seinem Urlaub in der ostenglischen Grafschaft Suffolk eine Regierungsumbildung sowie ein Programm für die Bewältigung der Wirtschaftskrise in Großbritannien vor. Er wolle damit Forderungen nach seinem Rücktritt begegnen, hieß es.

Blairs Büro wollte sich nicht zur Authentizität der von der Mail on Sunday veröffentlichen Notiz äußern. "Tony Blair steht weiterhin 100 Prozent hinter Gordon Brown und der Regierung", sagte ein Sprecher.

Derweil bestätigte sich in repräsentativen Umfragen, dass die Regierungspartei bei einer Wahl die politische Macht an die Konservativen verlieren würde. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts BPIX kämen die Tories auf 47 Prozent, während Labour nur noch 24 Prozent der Stimmen bekäme, gefolgt von den Liberaldemokraten mit 16 Prozent. Das Institut ICM erklärte, selbst wenn Premierminister Brown zurücktritt und Außenminister Miliband das Spitzenamt übernimmt, würde es Labour derzeit kaum gelingen, Wähler zurückzugewinnen.

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