Der Ort, an dem die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, der scheidende grönländische Premierminister Múte Bourup Egede und sein designierter Nachfolger Jens-Frederik Nielsen ihre Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag ausrichteten, war auf den ersten Blick recht ungewöhnlich: Die drei standen an Deck des Verteidigungsinspektionsschiffs Vaedderen, im Hafen von Nuuk, vor einem Militärhubschrauber, in dicken Daunenjacken.
Noch ungewöhnlicher war nur, dass Frederiksen ihre Rede auf Englisch hielt. „Es geht hier um die Weltordnung, die wir über Generationen hinweg gemeinsam über den Atlantik hinweg aufgebaut haben“, sagte sie, um dann recht apodiktisch zu werden: „Sie dürfen kein anderes Land annektieren – auch nicht mit dem Argument der internationalen Sicherheit.“
Die Regierungschefin aus Dänemark war um kooperative Signale bemüht
Nachdem Donald Trump zuletzt mehrfach mit der Drohung einer gewaltsamen Annexion Grönlands geflirtet hatte und nachdem sein Vize J. D. Vance in der vergangenen Woche eine insgesamt recht bizarre Reise auf die Insel im Nordatlantik unternommen hatte, war Frederiksen kurz entschlossen zu einem dreitägigen Besuch nach Nuuk gekommen. Es ging ihr und der neugewählten grönländischen Regierung dabei um ein Zeichen der entschlossenen Einigkeit. Und anscheinend ging es auch darum, direkt die Amerikaner anzusprechen, warum sonst hätte Frederiksen auf Englisch reden sollen, in kurzen Häppchen, die man gut in den sozialen Netzwerken weiterleiten kann?
Frederiksen wandte sich zunächst an die Regierung der USA: „Wenn Sie die Sicherheit in der Arktis stärken wollen, so wie wir es uns wünschen, lassen Sie es uns gemeinsam tun“, sagte sie, einmal mehr um kooperative Signale bemüht: „Wenn Sie in Grönland präsenter sein wollen, sind Grönland und Dänemark dazu bereit. Wenn Sie die Sicherheit in der Arktis stärken wollen, so wie wir es wollen, lassen Sie uns das gemeinsam tun.“
Ihre Rede schien aber auch an die amerikanische Bevölkerung und damit an Trumps Wähler gerichtet zu sein, denen sie klarzumachen versuchte, wie viel Vertrauen ihre Regierung gerade international verspielt: „Was sollen wir von dem Land halten, das wir so lange bewundert haben und von dem wir uns inspirieren ließen?“, fragte sie.
Frederiksen wurde begeistert von den Grönländern empfangen
Auch die Tatsache, dass die beiden wichtigsten grönländischen Politiker Egede und Nielsen neben ihr standen, war ein Zeichen an die Amerikaner: Als sich in der vergangenen Woche J. D. Vance’ Frau Usha gemeinsam mit Sicherheitsberater Michael Waltz und Energieminister Chris Wright zu einem Besuch in Grönland anmeldeten, angeblich um die grönländische Kultur besser kennenzulernen, wollte niemand mit ihnen reden. Es wurden sofort Demonstrationen gegen den Besuch angemeldet. Mitarbeiter des US-Konsulats gingen in Nuuk von Haustür zu Haustür, um zu fragen, ob man zu einem Gespräch mit Usha Vance bereit wäre. Anscheinend haben sie niemanden gefunden.
Der Besuch in Nuuk und bei einem Hundeschlittenrennen in Sisimiut wurde letzten Endes abgesagt, stattdessen besuchten Usha & J.D. die amerikanische Militärbasis Pituffik. Mette Frederiksen wurde hingegen geradezu begeistert von den Grönländern empfangen, was insofern bemerkenswert ist, als sich Grönland ja auf lange Sicht von Dänemark lösen will.
Ähnlich wie Frederiksen hatte sich der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen vor wenigen Tagen in englischer Sprache auf X an „all unsere amerikanischen Freunde“ gewandt und klargemacht: Wir sind offen für Kritik, „aber der Ton, in dem diese Kritik geäußert wird, gefällt uns ganz und gar nicht. So redet man nicht unter engen Verbündeten“.
Vance will die Interessen Amerikas „auf Teufel komm raus“ schützen
Die amerikanische Regierung aber scheint von Frederiksens Besuch und Rasmussens Kritik wenig beeindruckt zu sein. Frederiksen hatte ihre Rede in Nuuk kaum beendet, da sagte J. D. Vance dem rechten US-Sender Newsmax, Grönland sei „wichtig für unsere Sicherheit, wichtig für unsere Raketenabwehr, und wir werden die Interessen Amerikas auf Teufel komm raus schützen“. Er fügte hinzu, er habe „aufgeschnappt, dass jeder Grönländer pro Jahr 60 000 Dollar aus Dänemark bekommt. Der Präsident hat gesagt, dass wir den Menschen in Grönland viel mehr Geld geben könnten als das.“
Fragt sich, wo Vance den Betrag von 60 000 Dollar „aufgeschnappt“ hat, sie haben nämlich nichts mit der Realität zu tun: Dänemark überwies im vergangenen Jahr 4,3 Milliarden dänische Kronen nach Grönland. Legt man diesen Zuschuss auf die 57 000 Einwohner um, kommt man auf 75 000 Kronen, also etwas mehr als 11 000 Dollar pro Kopf.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunksender DR machte sich die Mühe, der Zahl nachzugehen. Die einzige plausible Antwort, die ihnen einfiel: „Wenn Sie googeln: ,How much does Denmark pay Greenland every year?‘, finden Sie eine Seite der Regierung mit einer Zahl von 3,4 Milliarden DKK. Diese Zahl ist im Selbstverwaltungsgesetz festgelegt und wird in Preisen von 2009 angegeben. Nimmt man die 3,4 Milliarden und teilt sie pro Kopf, entspricht das knapp 60 000 Kronen – aber nicht Dollar.“
Würde Dänemark pro Kopf 60 000 Dollar zahlen, wären das mehr als 23 Milliarden Kronen, also das Fünffache des aktuellen Betrags.
Grönland ist in der weltweiten Zoll-Liste übrigens nicht aufgeführt. Das ist insofern bemerkenswert, als die Insel zwar Teil des Königreichs Dänemarks ist, ohne freilich der EU anzugehören, alle europäischen Länder außerhalb der Union aber gelistet sind. Es wurden auch einzelne europäische Inseln wie die Jan-Mayen-Insel extra aufgeführt, deren von einigen Forschern besetzte Wetterstation in Zukunft mit zehn Prozent Steuern zu rechnen hat. Falls sie eines Tages irgendetwas in die USA exportieren sollten.
Heißt das, Grönland wird schon als Teil der USA gesehen? Wahrscheinlicher ist, dass die Insel in dem chaotischen Zollzirkus einfach vergessen wurde und jetzt die pauschalen zehn Prozent zu zahlen hat, die alle Staaten und Inselgruppen zu entrichten haben, die nicht auf Trumps Liste auftauchen.

