Wer hätte das noch vor Kurzem für möglich gehalten: herzliche Umarmungen zwischen dänischen und grönländischen Politikern? Und das im Kopenhagener Regierungspalast, ebenda, wo Anfang Dezember der damalige grönländische Premierminister Múte B. Egede mit zornbebender Stimme und bleichem Gesicht gesagt hatte, die wechselseitigen Beziehungen seien „am Gefrierpunkt angelangt“. Grönland müsse „endlich die Fesseln der Kolonialzeit abstreifen und allein zurechtkommen“, betonte dagegen am Sonntag sein Nachfolger Jens-Frederik Nielsen: „Wir befinden uns in einer außenpolitischen Situation, die zur Folge hat, dass wir enger zusammenrücken müssen.“
Nielsen, der im März zum neuen Premier gewählt wurde und am Wochenende auf Antrittsbesuch in Dänemark war, bezog sich damit auf die wiederholten Drohungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die riesige Insel übernehmen zu wollen, vielleicht auch mit Waffengewalt. Trump soll kürzlich laut Washington Post gesagt haben, die Übernahme Grönlands sei von all seinen aktuellen Expansionsplänen (Kanada, Panama, Gaza) „am einfachsten“ in die Tat umzusetzen, das Weiße Haus lässt zurzeit durchrechnen, wie teuer solch eine Übernahme den amerikanischen Staat käme.
„Wir werden nie ein Stück Land sein, das jeder kaufen kann.“
Nachdem die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zunächst diplomatisch zurückhaltend auf Trumps invasives Gepolter reagiert hatte, hat sie mittlerweile mehrfach scharf interveniert. Bei einem Besuch in Nuuk betonte Frederiksen kürzlich, die USA hätten schlichtweg nicht das Recht, Teile eines anderen Landes zu annektieren. Sie stand während dieser Pressekonferenz auf einem Militärschiff. Diesmal sagte sie, natürlich könne man sich generell mit den Amerikanern zu Gesprächen treffen, „aber ich denke, wir haben sehr deutlich gemacht, wie die Regierung zu allen Teilen des Königreichs Dänemark steht“. Jens-Frederik Nielsen bemerkte in Richtung Trump, es könne keine Partnerschaft geben, „wenn es keinerlei gegenseitigen Respekt gibt. Wir werden nie ein Stück Land sein, das jeder kaufen kann.“ Frederiksen wie Nielsen betonten, dass sie sich für eine Stärkung der Verteidigung in der Arktis einsetzen würden.

Vor allem aber merkte man bei dem Besuch, wie sehr die amerikanische Drohung bei aller Dramatik den Grönländern in ihren lange schon schwelenden Konflikten mit der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark in die Karten spielt: In den vergangenen Jahren hat die Regierung von Nuuk mehrfach angemahnt, Dänemark müsse seine diversen Skandale im Umgang mit Grönland endlich gründlich untersuchen. In Kopenhagen reagierte man darauf eher zögerlich. Jetzt kam Frederiksen aus dem Nicken kaum heraus, als Nielsen einen anderen Umgang mit den „dunklen Kapiteln“ der Zwangsadoptionen grönländischer Kinder und der erzwungenen Verhütungen mit Spiralen anmahnte. Frederiksen sagte, sie stehe der Einrichtung einer Versöhnungskommission, wie man sie unter anderem aus Kanada und Neuseeland kennt, sehr interessiert gegenüber.
Plötzlich kann es der dänischen Regierung gar nicht schnell genug gehen mit dem Entgegenkommen
Noch wichtiger: Grönlands Unabhängigkeitsbestrebungen wurden in Dänemark bislang stets mit Verweis auf die finanzielle Abhängigkeit wegmoderiert. Plötzlich aber kann es der Regierung in Kopenhagen gar nicht schnell genug gehen mit der „Modernisierung des Commonwealth“, wie Frederiksen sich ausdrückte. Es sei höchste Zeit, das für Grönland seit 2009 geltende Selbstverwaltungsgesetz zu überarbeiten. Grönland hat seither immer neue Regierungsbereiche eigenverantwortlich übernommen, musste diese dann aber auch laut dem Gesetz selbst finanzieren. Dänemark überweist jedes Jahr einen Pauschalzuschuss von rund vier Milliarden Kronen nach Nuuk und finanziert darüberhinaus beispielsweise die Polizei.
Jetzt sagte Frederiksen, man könne Grönland weitere Teilbereiche übertragen und gleichzeitig aber weiterhin dafür bezahlen. Größere politische Souveränität und gleichzeitig aber mehr Geld aus Dänemark – von einem derartigen Zugeständnis hätte man in Nuuk sicher vor wenigen Monaten nicht mal zu träumen gewagt. Nielsen sagte recht selbstbewusst am Ende seiner Reise, alle Gespräche darüber, dass Grönland für Dänemark zusätzliche Kosten bedeute, sollten nun verstummen. Dann reiste er zurück nach Nuuk – gemeinsam mit dem dänischen König Frederik, der Grönland einen mehrtägigen Gegenbesuch abstattet, was erneut viele Bilder vom harmonischen dänisch-grönländischen Miteinander produzieren dürfte.
In den USA wird unterdessen alle Kritik an Trumps Grönland-Plänen von der Regierung so weit es geht abgebügelt: Nachdem die Kommandeurin der amerikanischen Pituffik-Militärbasis auf Grönland, Susannah Meyers, in einer Mail an ihre Mitarbeiter den Besuch des Vizepräsidenten J. D. Vance auf der Basis kritisiert hatte, wurde sie umgehend entlassen. Und nach einem Beitrag des US-Senders CBS, in dem sich mehrere grönländische Politiker kritisch zu Trumps Übernahmeplänen äußerten, tobte der Präsident, der mit CBS länger schon im Clinch liegt, der Sender sollte seine Lizenz verlieren.

