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Grönland:Die größte Schatzinsel der Welt

Klimawandel in Grönland

Je kleiner die Eisberge, desto größer die Schiffe, die Grönland erreichen können: Die Erderwärmung bringt auch Chancen für die Insel.

(Foto: Felipe Dana/picture alliance/dpa/AP)

Grönland ist 300 Jahre nach seiner Kolonisierung durch Dänemark umworben wie nie. Die USA, China und Russland konkurrieren darum, die Rohstoffe abbauen zu dürfen, die das schmelzende Eis freilegt. Die Regionalregierung hat allerdings eigene Pläne

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Sie ist die größte Insel der Welt und birgt unter ihrem Eis wohl gewaltige Schätze, und dennoch war Grönland die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte ein von der Welt vergessener Flecken. Das änderte sich zum ersten Mal gegen Ende des ersten Jahrtausends, als unter anderen auch Erik der Rote sich mit einem Haufen Wikinger von Island aus loszog, um auf Grönland Siedlungen zu errichten. Von seinen Nachfahren hörte man bald nichts mehr, und es dauerte mehr als 700 weitere Jahre, bis dem dänisch-norwegischen Priester Hans Egede die alten Legenden in die Hand fielen. Egede wollte sich aufmachen in dieses sagenhafte Land, die Urenkel der ersten Siedler aufspüren und ihnen das Evangelium predigen.

Mit Erlaubnis des dänischen Königs Frederik IV. stach Hans Egede in See, zusammen mit seiner Familie und 40 Begleitern. Das war am 12. Mai 1721, vor genau 300 Jahren. Es war der Beginn der Kolonialisierung Grönlands durch Dänemark.

Zu Beginn lief diese ganz anders als geplant: Die Wikinger waren längst verschwunden, stattdessen traf der fromme Missionar auf das Volk der Inuit. Eingeborene, die dem Priester freundlich und humorvoll erschienen, aber auch "dumm" und "träge" und dringend der "Zivilisierung ihrer Seelen" bedürftig. Egede schrieb das Evangelium an den Stellen um, an denen es ihm nötig schien, und so baten die ersten Inuit den Herrn bald: "Unseren täglichen Seehund gib uns heute."

Egedes Unternehmen brachte den Inuit das Christentum, wenig später auch die Pocken, und schließlich die dänische Kolonialherrschaft mit der üblichen Beigabe der kulturellen Entwurzelung der Kolonisierten. Kein Wunder, dass das Erbe des Hans Egede heute gemischte Gefühle auslöst, vor allem unter den 90 Prozent der Grönländer, die dem Volk der Inuit angehören. Die überwältigende Mehrheit des Volkes bekennt sich zum christlichen Glauben; Lust, den Jahrestag zu Feiern aber haben die wenigsten.

Bemerkenswerterweise ist aber auch die Unabhängigkeit von Dänemark nicht wirklich das Thema Nummer eins in diesem Jubiläumsjahr. Eine Kolonie ist Grönland seit 1953 nicht mehr, Grönland ist - wie auch die Färöer - eine autonome Nation innerhalb des Königreichs Dänemark und kann zumindest seine inneren Angelegenheiten seit 1979 allein bestimmen.

Es gibt andere Probleme. "Die Grönländer sind sich im Allgemeinen einig, dass sie vor einer Unabhängigkeit zuerst die Wirtschaft auf die Beine stellen müssen", sagt Ulrik Pram, Grönlandexperte beim Dänischen Institut für Internationale Studien. Die soeben neu gewählte Regierung unter Führung der linken IA (Inuit Ataqatigiit) und ihres 34-jährigen Vorsitzenden Múte Bourop Egede will sich der sozialen Ungleichheit widmen, der Wohnungsnot, dem niedrigen Bildungsstand, der Umwelt.

"Der Klimawandel ist geradezu eine Gratiswerbung für uns."

Das heißt nicht, dass keiner über Unabhängigkeit sprechen würde. Am meisten tut das sogar der kleine Koalitionspartner der IA, die populistische Partei Naleraq, die nun zwei von zehn Kabinettsposten besetzt. Als die Welt und auch fast ganz Grönland im Sommer 2019 den Kopf schüttelte über den US-Präsidenten Donald Trump und seinen Vorstoß, Grönland den Dänen abzukaufen, da war Naleraq-Stratege Pele Broberg einer der wenigen, die jubelten: Endlich habe man eine Alternative zu den dänischen Subventionen, von denen Grönland bis heute abhängig ist, sagte er. Zufällig ist dieser Pele Broberg nun nicht nur Industrie-, sondern auch Außenminister im neuen Kabinett in Nuuk. Allerdings sind die großen Linien der grönländischen Außenpolitik wie auch die Verteidigung bis heute Sache Dänemarks.

Wenn Trumps Vorstoß eines aber zeigte, dann dies: Grönland hat mit einem Mal ganz neue Chancen. Plötzlich sieht sich die 56 000-Einwohner-Nation umworben und beäugt von den großen Mächten der Welt: USA, China, Russland. Dass das Eis in der Arktis im Rekordtempo schmilzt, verleitet manchen Grönländer gar zur Dankbarkeit: "Je schneller die Gletscher schmelzen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt unser Land", sagte der ehemalige Industrie- und Rohstoffminister Jens-Erik Kirkegaard. "Der Klimawandel ist geradezu eine Gratiswerbung für uns."

Es ist das schmelzende Eis, das die Schifffahrtsverbindungen im Nordpolarmeer öffnet und die Region nun für Wirtschaft und Militär interessant macht. Und es ist das schmelzende Eis, das Rohstoffe auf Grönland freilegt. Wenn es einen Weg gibt, um endlich die wirtschaftliche Basis für eine Unabhängigkeit zu legen, glauben viele, dann führt er jenseits der Fischerei und des Tourismus über den Abbau der Mineralien im Boden der Insel.

Und plötzlich stehen auch diese Rohstoffe im Zentrum des Ringens der Großmächte in der Arktis. Bisher werden die globalen Lieferketten bei Seltenen Erden - wertvolle Metalle unverzichtbar für die Herstellung von Smartphones und Windturbinen ebenso wie für Elektroautos und Kampfflugzeuge - von China dominiert. Die USA suchen schon lange nach einer Möglichkeit, diese Dominanz zu brechen.

Die Regierung steht hinter dem Bergbau

Und auch der Wahlkampf in Grönland wurde entschieden von einem einzigen Thema: dem Kampf um die Kuannersuit-Mine im Süden des Landes. Dort liegt eines der größten Vorkommen von Seltenen Erden der Welt - die Lizenz zum Abbau hatte vor Jahren schon die australische Firma Greenland Minerals erhalten, und zehn Prozent dieser Firma gehören einem staatsnahen chinesischen Unternehmen: Shenghe Resources. "Geostrategisch steht Grönland dem Westen sehr nahe", sagt Grönlandexperte Pram. Aber in chinesischem Investment sähen grönländische Politiker grundsätzlich keine Probleme. "Und mancher denkt vielleicht, man kann China ja auch benutzen, um von den USA etwas zu bekommen."

Premier Múte Bourop Egede und seine IA haben die Wahl gewonnen mit dem Versprechen, die Mine in Kuannersuit zu stoppen. Mit China hatte das nichts zu tun, wohl aber mit den Uranvorkommen, die an dem Ort gemeinsam mit den Seltenen Erden untertage liegen. Die Gegner fürchten radioaktive Verseuchung. Die neue Rohstoffministerin Naaja Nathanielsen erklärte letzte Woche, ihre Partei wolle wieder eine Null-Toleranz-Regel einführen, die den Abbau radioaktiver Materialien auf Grönland verbietet. Das wäre das Ende für das Kuannersuit-Projekt. Gleichzeitig betonte die Ministerin, ihre Regierung stehe ansonsten hinter dem Bergbau bei allen Projekten ohne Uran und freue sich auf Investoren. Grönlandforscher Pram sieht darin eine Chance für Europa und die USA, "grüne Alternativen" anzubieten.

Während der neue Egede - der jüngste Premier, den Grönland je hatte - von seinen Anhängern gefeiert wird für seine Politikwende beim Minenprojekt, muss der alte Egede - der Missionar und Kolonisator - einiges aushalten: Die Statue Hans Egedes, die über dem alten Hafen der Hauptstadt Nuuk steht, wurde vergangenen Sommer mit einem "Entkolonisieren"-Graffito beschmiert, die eigentlich geplante 300-Jahr-Feier für seine Landung auf Grönland im Sommer wurde abgesagt von der Kommune, zu der die Hauptstadt Nuuk gehört. "Wir geben das Geld lieber aus für die Verschönerung unserer Stadt und begehen dann den 300. Jahrestag der Gründung von Nuuk", sagte Bürgermeisterin Charlotte Ludvigsen. Lieber gefahrlos feiern also, im Jahr 2028 dann.

© SZ/segi
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