Großbritannien:Der neue Labour-Chef hat eine Mammutaufgabe vor sich

Starmer Corbyn Labour

Starmer klingt als Verfechter eines moderaten Kurses.

(Foto: AP)

Keir Starmer muss sich in der Corona-Krise als neuer Oppositionsführer beweisen und die Partei einen. Er könnte es schaffen.

Von Cathrin Kahlweit, London

Keir Starmer ist neuer Chef der Labour-Partei. Die Präsentation des Urwahl-Ergebnisses und des Siegers war etwas holprig, weil wegen des Versammlungsverbots in Corona-Zeiten keine große Jubelveranstaltung möglich war. So musste die Nachricht, dass sich Starmer, Abgeordneter für Holborn und St. Pancras, ehemaliger Generalstaatsanwalt und Brexit-Schattenminister, gegen seine beiden Mitbewerberinnen nach einer viermonatigen Wahlkampagne durchgesetzt hat, im Internet verkündet werden, woraufhin gleich mal die Webseite der Labour-Partei zusammenbrach.

Starmer konnte 56,2 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen, wobei die Auszählung kompliziert war; es gab erste und zweite Präferenzen, abstimmen konnten sowohl Mitglieder als auch speziell für die Urwahl registrierte Unterstützer und Mitglieder von befreundeten Organisationen.

Von immerhin knapp 800.000 Wahlberechtigten nahmen zum Schluss aber nur knapp 500.000 an der Urwahl teil. Starmer holte in allen drei Kategorien mehr als 50 Prozent, was als starkes Mandat für die Nachfolge des Mannes gilt, der am Freitag seinen letzten Arbeitstag als Labour-Chef hatte: Jeremy Corbyn.

Der Neue bedankte sich mit einem Video-Statement. Sein Sieg komme zu einer Zeit, wie es sie nie gegeben habe in der Geschichte des Landes. Das Coronavirus habe das Leben, wie man es kenne, zum Stillstand gebracht, die Menschen hätten Angst, kämpften gegen Existenznöte. Seine Botschaft erzählte wenig davon, wie er - gemeinsam mit seiner ebenfalls frisch gewählten Stellvertreterin Angela Rayner - die Partei umkrempeln oder die nächsten Wahlen gewinnen will. Sie handelte vielmehr vom Zusammenhalt, der jetzt nötig sei, und davon, dass man in einer solchen Zeit mit der Regierung gemeinsam daran arbeiten müsse, die Krise zu bekämpfen. Zum Schluss wurde der 57-Jährige dann doch ein wenig pathetisch: Er wolle den Menschen den Glauben an die Partei als Kraft des Guten und des Wandels zurückgeben und Labour mit "Zutrauen und Hoffnung" in eine neue Ära führen.

Der Premierminister nahm den neuen Oppositionschef umgehend beim Wort: Boris Johnson rief Starmer an und lud ihn ein, ab sofort an Briefings der Regierung und Expertenrunden zur Corona-Krise teilzunehmen. Der Labour-Mann sagte zu.

Sein Ziel: "Anhänger linker Identitätspolitik mit der Arbeiterklasse zu versöhnen"

Starmer, der in einfachen Verhältnissen aufwuchs und sich als Jugendlicher um seine chronisch kranke Mutter kümmern musste, gilt als ehrenwerter, geradliniger Politiker, dem es aber an Charisma und Feuer fehlt. Sein Lebensweg steht dieser Beschreibung allerdings entgegen, und wer ihn im Wahlkampf erlebte, konnte einen Mann sehen, der an sich selbst glaubt und vor Energie brennt.

Starmer kommt aus der außerparlamentarischen Opposition. Er studierte Recht und gründete mit Freunden als junger Anwalt eine Kanzlei, die sich vor allem für Menschen einsetzte, die sich keine teure Rechtsvertretung leisten konnte. Er übernahm Mandate von Gegnern der Todesstrafe und Umweltaktivisten, setzte sich in Kampagnen gegen die neoliberale Politik von Margaret Thatcher ein und vertrat Rassismus-Opfer. Sein Ziel, sagte Starmer einmal, sei es, die "Anhänger linker Identitätspolitik mit der Arbeiterklasse zu versöhnen". Er arbeitete fünf Jahre lang in Nordirland als Berater einer neuen Polizeibehörde, die nach dem Karfreitagsabkommen den neuen Frieden überwachen sollte, und wurde 2008 Director of Public Prosecutions, eine Art Generalstaatsanwalt.

Der neue Labour-Chef hat eine Mammutaufgabe vor sich. Er muss die Partei reformieren und zusammenführen, die sich unter seinem Vorgänger Corbyn in inneren Kämpfen aufgerieben hatte, und sich als Oppositionschef in einer Zeit profilieren, in der die Bürger vor allem auf das starren, was die Regierung zu ihrer Rettung leistet. Aber auch Keir Starmer hat viel geleistet in seinem Leben. Und er hat das Vertrauen der Mehrheit seiner waidwunden Partei gewonnen, die nach einer dramatischen Wahlniederlage im vergangenen Dezember am Boden liegt. Er könnte es schaffen.

© SZ.de/ghe
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