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Griechische Reaktionen auf Euro-Gipfel:Würdelos in Europas Protektorat

Für Premier Papandreou bricht "ein neuer Tag" für Hellas an. Die griechischen Medien sehen das anders: Neben den Schulden sei dem Land in Brüssel auch die Würde gestutzt worden. Die "deutschen Panzer" hätten das Land in ein "europäisches Protektorat" verwandelt. Für viele Bürger geht der alltägliche Kampf weiter: Rentner befürchten weitere Kürzungen und die Armut wächst.

Kai Strittmatter

Wenn einem die Hälfte seiner Schulden erlassen wird, dann sollte man meinen, dass es Grund gäbe wenigstens zu verhaltener Freude. Doch die Begeisterung in Griechenland hält sich in eng gesteckten Grenzen: Sie reicht kaum über das Kabinett hinaus. Premier Giorgos Papandrou spricht vom "Anbruch eines neuen Tages" und sagt, nun endlich sei die Schuldenlast nachhaltig in Griff zu bekommen. "Wir sind befreit von einer großen Last", meint auch Finanzminister Evangelos Venizelos. Er sagte, er erwarte nun die Unterstützung "jeder einzelnene Partei und jeden verantwortungsbewussten politischen Führers" für das in Brüssel ausgehandelte Paket.

Ein Kiosk in der Athener Innenstadt: Die griechischen Zeitungen beschäftigen sich vor allem mit den Beschlüssen des Euro-Gipfels.

(Foto: AFP)

Aber die griechische Öffentlichkeit macht sich nun große Sorgen um ihr Rentensystem und ihre Banken, die der Haircut in Turbulenzen stürzen wird. Und die griechische Opposition bleibt sich in ihrer Streitlust treu. Von nationalem Schulterschluss ist einmal mehr keine Spur: An diesem Donnerstag fand jeder seine eigenen Gründe, die Brüsseler Beschlüsse zu attackieren. Sie warfen der Regierung zum einen ökonomisches und politisches Versagen vor und kritisierten zum anderen, dass sie das Land nun komplett den Europäern ausliefere.

Dass das beschlossene Memorandum - auf Druck der deutschen Kanzlerin Angela Merkel - eine Klausel enthält, die eine permanente Überwachung des griechischen Staates vorsieht, ist gefundenes Fressen für die bei aller selbstverschuldeter Armut stolzen Patrioten: "Griechenland wird in Zukunft von seinen Gläubigern regiert", empörte sich Dimitris Papadimoulis, Abgeordneter der linken Syriza, im TV-Sender Skai.

Viele Zeitungen hieben in dieselbe Kerbe. Was die regierungsnahen Zeitungen als "Aufwertung der Aufsichtsrolle der Troika" (Ethnos) beschrieben, wird bei der rechten Eleftheros Typos zur "offiziellen Umwandlung Griechenlands in ein europäisches Protektorat". Die Zeitung Vradyni findet, gestutzt worden sei nicht bloß die Staatsschuld, sondern vor allem die "nationale Würde" der Hellenen und Avriani beklagte die nun "dauerhafte Besatzung" durch EU und IWF. Die linke Eleftherotypia weiß auch, wer schuld ist, nämlich "der deutsche Panzer".

Ängste um Griechenlands Banken und Sozialversicherungen

Jenseits aller politischen Propaganda gibt es ernste Sorgen um die griechischen Banken und die Sozialversicherungen des Landes - sie wurden nämlich in der Vergangenheit zwangsverpflichtet, große Depots an griechischen Staatsanleihen zu halten. Dies wird ihnen nun zum Verhängnis: Sie müssen 50 Prozent dieser Werte abschreiben und brauchen viele Milliarden zur Rekapitalisierung.

Die Regierung betonte in den vergangenen Tagen mehrfach, kein Sparer müsse sich Sorgen um seine Einlagen machen. Premier Papandreou kündigte am Donnerstag an, der Staat werde sich in großem Stil bei griechischen Banken einkaufen und diese so effektiv - für eine Übergangszeit - verstaatlichen. Mit welchem Geld das geschehen soll, ist noch nicht klar.

Auch bei den Sozial- und Rentenversicherungen will der Staat die Verluste ausgleichen. Die Details sollen erst in den kommenden Wochen bekannt werden, aber ebenso wie Griechenlands Sparer machen sich auch seine Rentner große Sorgen. Schätzungen gehen von einem Verlust von 16,6 Milliarden Euro bei den Rentenversicherungen aus - viele Rentner fürchten nun neue Leistungskürzungen. Dabei mussten sie schon im vergangenen Jahr mehrfach eine Kürzung ihrer Altersbezüge hinnehmen, und sich zeitgleich an mehreren neuen Notfallsteuern beteiligen.

Gleichzeitig wächst die soziale Not im Land. Die Arbeitslosigkeit liegt jetzt schon bei 16 Prozent und wird noch weiter steigen. Jedes Prozent mehr Arbeitslose aber kostet die Sozialversicherungen fast 700 Millionen Euro allein an entgangenen Beitragszahlungen. Die Hilfsorganisation "Doctors of the World" gab in dieser Woche zudem bekannt, dass sich die Zahl der Menschen, die bei ihnen kostenlose medizinische Behandlung suchten, innerhalb eines Jahres auf 30.000 verfünffacht habe. "Was uns am meisten schockiert hat, ist, dass uns viele nun um Essen bitten", sagte ein Sprecher der Organisation. Hunger werde zunehmend ein Problem bei sozial schwachen Familien.

© sueddeutsche.de/mati

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