Machtwechsel in Athen Griechenlands Elitezögling

Kyriakos Mitsotakis hielt sich trotz seiner Herkunft lange von der Politik fern. 2004 wagte der Konservative geradezu Umstürzlerisches im Parlament. Ein Porträt des neuen Ministerpräsidenten Griechenlands.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Kyriakos Mitsotakis stammt aus einer der ältesten Politikerdynastien Griechenlands. Sein Vater, der Kreter Konstantinos Mitsotakis, war Ministerpräsident von 1990 bis 1993. Er gehörte zu den prägendsten Persönlichkeiten der griechischen Politik, 2017 starb er mit 98 Jahren. Während der griechischen Militärdiktatur ging er ins Exil. Sohn Kyriakos war ein halbes Jahr alt, als die Familie 1968 nach Paris floh.

Viele Griechen haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihren Politikerdynastien. Sie werden einerseits als Teil der Eliten, die das Land heruntergewirtschaftet haben, misstrauisch beäugt. Andererseits gilt, wer Politik schon "am Familientisch" gelernt hat, auch als prädestiniert für höhere Ämter, man sagt, er habe "Politik in den Genen".

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Kyriakos Mitsotakis hielt sich trotz seiner Herkunft lange von der Politik fern, im Gegensatz zu seiner älteren Schwester Dora Bakoyanni, die Außenministerin war. Deren Sohn Kostas ist im Juni zum Bürgermeister von Athen gewählt worden, ein Amt, das auch seine Mutter einst innehatte.

Nach der Rückkehr aus dem Exil besuchte Kyriakos Mitsotakis eine renommierte Athener Privatschule, studierte dann an den amerikanischen Eliteuniversitäten Harvard und Stanford Sozialwissenschaften und Wirtschaft. Später ging er zur Beratungsfirma McKinsey nach London. 1997 kehrte er nach Athen zurück, arbeitete erst für eine Investmentfirma, dann für eine Privatbank. Die verließ er 2003, um den Einstieg in die Politik vorzubereiten. 2004 gelang ihm auf Anhieb der Einzug ins Parlament, wo er für damalige Verhältnisse geradezu Umstürzlerisches wagte: Er gab seinen schweren Dienstwagen ab und forderte seine Kollegen auf, es ihm gleichzutun. Darauf folgte der Spott: Wer reich sei, könne leicht auf Privilegien verzichten.

Das Etikett des Elitezöglings blieb an ihm haften. Die Lebenswege von Mitsotakis und seines linken Rivalen Alexis Tsipras könnten auch kaum unterschiedlicher sein: Tsipras, 44, aus einer Mittelschichtfamilie stammend, organisierte schon als Jungkommunist einen Schüleraufstand, er pflegt bis heute das Image des Streetfighters. Dem 51-jährigen Mitsotakis - verheiratet und Vater dreier Kinder - merkt man dagegen das Wohlbehütete noch immer an. Er wirkt zurückhaltend, betont höflich, wird selten laut. Das Prollige und Hemdsärmelige älterer konservativer Größen fehlt dem schlanken, hoch aufgeschossenen Mann völlig.

Im Januar 2016 wurde er zum Vorsitzenden der Nea Dimokratia (ND) gewählt. In der konservativen Partei mit ihren zerstrittenen Flügeln hatte er es anfangs nicht leicht. Mitsotakis' Vorteil aber sei es, dass man ihn ständig unterschätze, schrieb die konservative Zeitung Kathimerini.

Es war noch tiefer Winter, als Mitsotakis Anfang 2019 im oberbayerischen Kloster Seeon auftrat, eingeladen von der CSU, deren Politiker einst den Griechen den Grexit empfohlen hatten. Leicht fröstelnd trotz dicken blauen Parkas sagte er in Seeon in die Mikrofone, es sei ihm "eine Freude". Sollte Mitsotakis in diesem Moment an die Vergangenheit gedacht haben, lächelte er die Erinnerung weg. Im Wahlkampf pflegte er besonders enge Beziehungen zu dem europäischen Spitzenkandidaten der Christdemokraten, Manfred Weber (CSU). In der Hoffnung, die EU könnte ihm als Ministerpräsidenten das Leben erleichtern. Zum Beispiel, indem sie die Forderungen nach einem Haushaltsüberschuss von 3,5 Prozent senkt, den Griechenland bis 2022 aufbringen muss. Will Mitsotakis seine Pläne für Steuersenkungen umsetzten, braucht er ein Entgegenkommen der EU.

Tsipras porträtierte seinen Widersacher gern als Repräsentanten der alten politischen Elite, die Griechenland in die Krise geführt hat. Mitsotakis sieht sich dagegen als Erneuerer der ND. Er umgibt sich mit einem jungen Beraterstab und warb auch um frühere Sozialdemokraten. Sieben von zehn Listenkandidaten traten zum ersten Mal an.

Das Namensabkommen mit dem Nachbarland Nordmazedonien, das Tsipras durchsetzte, trug Mitsotakis im Parlament nicht mit. Andererseits dürfte er es kaum wieder revidieren, denn das würde die Beziehungen Griechenlands zur EU erneut belasten.

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