Griechenland und die Bundestagswahl:"Nur ein Politikwechsel könnte uns helfen"

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Demonstranten bekunden ihren Unmut über Angela Merkel einen Tag vor dem Besuch der Kanzlerin in Athen im Oktober vergangenen Jahres

(Foto: AFP)

27 Prozent Arbeitslosigkeit, Jobs ohne Gehalt, abgrundtiefe Löcher in der Rentenkasse. Wie keine andere Figur verkörpert Angela Merkel für viele Griechen die Misere ihres Landes. Könnten sie am Sonntag hier wählen, wäre die Linke an der Macht. Zumindest bei Theatermachern.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Wenn Griechen die Bundestagswahl entscheiden dürften, dann bekäme die Linke die meisten Stimmen. 29 Prozent genau. Angela Merkel und die CDU müssten sich mit fünf Prozent begnügen. Das sagt keine repräsentative Umfrage, kein Meinungsforscher hat die Griechen befragt. Theatermacher taten es. Am Freitag werden sie in Athen auf einer Bühne den deutschen Wahlkampf nachspielen - in 50 Minuten. Redezeiten für die "Parteien" werden entsprechend der letzten Bundestagswahl verteilt: 17,5 Minuten für die CDU, 5,75 für die Linke.

Noch kein deutscher Wahlkampf hat in Griechenland so viel Aufmerksamkeit erregt. In der Zeitung Kathimerini gibt es einen Countdown bis zum Sonntag. Bayern-Wahl, Steinbrücks Stinkefinger im SZ-Magazin, die Euro-Verächter von der AfD - all das waren Themen in Athen. Eine dritte Amtszeit für Merkel? Für viele Griechen hat die Krise das Gesicht der Kanzlerin. Boulevardblätter haben die CDU-Politikerin zeitweise nur in Nazikluft auf den Titel gehoben. Der Furor ist zuletzt Ernüchterung gewichen. Das sorgt - trotz des Medien-Hypes - für einen eher illusionslosen Blick.

Adriana Prokopi, 30, Lehrerin an einer Grundschule im Athener Arbeiterbezirk Tavros sagt: "Das ist wie bei uns, ein Auswechseln der Köpfe ändert gar nichts. Nur ein Politikwechsel könnte uns helfen." Am Donnerstag haben wieder Tausende Lehrer gestreikt. "Wir haben alle Angst", sagt Prokopi. Bis Jahresende sollen auf Druck der Kreditgeber aus der EU 25.000 Beamte in eine Reserve versetzt werden, eine Vorstufe für eine mögliche Entlassung. Prokopi sagt über ihre Schüler: "Die Armut ist sichtbar, in jeder Familie gibt es einen Arbeitslosen, oft sind beide Eltern arbeitslos. Viele Kinder essen nur einen Sesamkringel den ganzen Schultag über."

Viele Griechen arbeiten auch ohne Gehalt - um ihren Job zu behalten

Schon einmal haben die Griechen gehofft, eine Wahl in Europa könnte etwas an den Sparauflagen ändern, als im Mai 2012 in Paris der Sozialist François Hollande auf Nicolas Sarkozy folgte. Danach blieb alles wie es war. Nun schreibt Griechenland das vierte Jahr der Krise, und das Gefühl, dass das ganze Darben nichts bringt, frisst sich durchs Land, auch wenn Premier Antonis Samaras - gerade während des deutschen Wahlkampfes - auffällig viel Optimismus versprühte.

Am Donnerstag sagte Finanzminister Giannis Stournaras: "Die Wirtschaft geht in Richtung Erholung." Nur davon merken viele Griechen nichts, bei 27 Prozent Arbeitslosigkeit. In den Rentenkasse klaffen abgrundtiefe Löcher, viele Griechen arbeiten auch ohne Gehalt, in der Hoffnung, ihren Job behalten zu können - für bessere Zeiten. Die Zahl der Geburten im Land ist seit 2009 um zehn Prozent gesunken. Aber es gibt immer noch Betuchte, die in anderen Sphären schweben.

Der Chef der Privatisierungsbehörde musste gehen, nachdem er im Privatjet eines griechischen Öl-Milliardärs mitflog, der vom Staat gerade Europas größte Wettfirma gekauft hatte. "Ich bin kein Mönch", sagte der Geschasste dem TV-Sender Skai und betonte, "ich bedauere nichts".

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