Griechenland Alexis Tsipras auf den Spuren von Odysseus

Syriza, die Partei des griechischen Premiern Alexis Tsipras, ist im Parlament mit 145 von 300 Sitzen in der Minderheit.

(Foto: AFP)

Der griechische Premier hat sich einen peinlichen Luxusurlaub auf Einladung eines prominenten Reeders gegönnt. Ein Geschenk für die konservative Opposition. Eine Vertrauensfrage übersteht er trotzdem.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Odysseus ist ein griechischer Held, zehn Jahre dauerte seine Irrfahrt, so der Mythos. Dann kehrte der Listenreiche auf seine Heimatinsel Ithaka im Ionischen Meer zurück. Ithaka wählte der griechische Premier Alexis Tsipras im August 2018 als sommerliche Kulisse für die Frohbotschaft, sein Land habe "wie Odysseus" die Stürme des internationalen Kreditprogramms hinter sich gelassen. Und im Hintergrund funkelte das blaue Meer.

Seit Anfang dieser Woche weiß man, dass Tsipras der Gedanke an Odysseus womöglich auch deshalb kam, weil er in jenem August eine Zeit auf der Luxusyacht "Odyssey" verbracht hat, im Ionischen Meer, auf Einladung eines prominenten Reeders. Ein Foto von Tsipras in Badehose auf Deck tauchte, wie aus dem Nichts, auf den Twitter-Wellen auf. Katerina Panagopoulou, die Witwe des Reeders, der 2019 verstarb, bestätigte die Tour. Sie sagte der Zeitung Proto Thema, man habe Tsipras die Familienyacht angeboten, "weil er müde war".

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Tsipras müde? Der Premier ein erschöpfter Held? Der Mann, der für den Friedensnobelpreis nominiert ist?

"Wir bewunderten Tsipras", sagte die Reeder-Witwe über den linken Premier, und: Ja, ihre Familie gehöre zur "Elite Griechenlands", aber zu einer "Elite der Würde", die Tausende von Jobs geschaffen habe. Diese Verteidigung half wenig, die Opposition frohlockt, schließlich wird sie sonst gern exklusiv mit den Reichen identifiziert. Die konservative Nea Dimokratia liegt in allen Umfragen zur Europawahl zwar ohnehin klar vor Tsipras' Linkspartei Syriza. Aber zuletzt schrumpfte der Vorsprung, und Tsipras hat den Griechen gerade niedrigere Steuern und wieder höhere Renten versprochen. Griechenlands Geldgebern gefällt das gar nicht, aber die Opposition bringt der Premier mit seinen schönen Versprechungen in die Klemme. Sie muss in der kommenden Woche entscheiden, ob sie gegen die Wahlgeschenke stimmt. Deshalb nahm sie Tsipras' Luxusurlaub auf Unternehmerkosten wie ein Himmelsgeschenk entgegen.

Zumal im August 2018 das ganze Land noch trauerte: um die hundert Toten des schlimmsten Waldbrands seit Jahrzehnten, im Juli im Küstenort Mati bei Athen. Diese Katastrophe offenbarte ein komplettes Versagen der staatlichen Behörden und zeigte, dass Ursünden, wie illegales Bauen, immer noch toleriert werden.

Die Kernanhängerschaft blieb Tsipreas einigermaßen treu

Seit dem Amtsantritt 2015 hat sich Tsipras als erstaunlich robuster Stehaufpolitiker erwiesen. Als "Wutfänger" hatte er die Wahl auf dem Höhepunkt der Krise gewonnen. Er versprach, die harten Sparprogramme von EU und IWF zu "zerreißen" und wurde zum linken Hoffnungsträger in Europa. Dann setzte er zum Erstaunen von Freund und Feind die Auflagen um. Die vielen Kolotoumbes, Purzelbäume, wie die Griechen sagen, ließen das linke Lager schrumpfen, aber die Kernanhängerschaft blieb einigermaßen treu.

Im Januar verlor Tsipras jedoch seinen kleinen rechtspopulistischen Koalitionspartner, mit dem er anfangs nur die Gegnerschaft zu den Sparauflagen teilte. Das Bündnis brach, als der Premier den Weg für die Aussöhnung mit Nordmazedonien frei machte. Für die Lösung des hochemotionalen Namensstreits nach fast 27 Jahren sind der 44-jährige Tsipras und sein gleichaltriger Kollege aus Skopje, Zoran Zaev, für den Nobelpreis nominiert.

Vom Architekten des Abkommens, Außenminister Nikos Kotzias, trennte sich Tsipras ebenso kurz entschlossen wie einst von einem anderen politischen Wirbelwind, Finanzminister Yanis Varoufakis - jeweils, um seine Regierung zu retten. Syriza ist im Parlament mit 145 von 300 Sitzen in der Minderheit, aber Tsipras sicherte sich durch geschicktes Taktieren die Hilfe zusätzlicher Abgeordneter, wie auch am Freitag deutlich wurde als er die Vertrauensfrage überstand, die er im Parlament gestellt hatte. Von der Reeder-Witwe heißt es, sie sei nun Goodwill-Botschafterin für Griechenland - unbezahlt.

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